Kapitel 3 – Gewerbepark Borsigkamp

Alexandra Kern alias Quiet Panther mit schwarzer Sturmhaube – sichtbar ist nur die Augenpartie mit smaragdgrünen Augen

Grimmer folgte Alexandra zu ihrem Wagen. „Tja, das war es dann wohl“, sagte sie trocken.

Grimmer nickte langsam. „Wenn er dich heute nicht rausgeworfen hätte, dann morgen oder nächste Woche. Schreiber hatte von Anfang an ein Problem mit dir. Hättest vielleicht öfter mal einen Knicks machen sollen.“ Grimmer grinste freudlos. „Was hast du nun vor?“

Alexandra zuckte mit den Schultern. „Ich werde mich um mein Restaurant kümmern. Bis das so richtig läuft, gibt es noch viel zu tun. Langweilig wird mir ganz sicher nicht.“

Er sah sie skeptisch an. „Ja, sicher. Du als Grande Dame in deinem Restaurant. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du elegant gekleidet Gäste begrüßt und mit ihnen über Wein diskutierst, der auf der Zunge herumstolpert, im Abgang nach Maul- und Klauenseuche schmeckt und lange im Hals kratzt.“

Sie sah ihn todernst an, hob die Hand und formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole. „Vorsicht. Sonst bist du der Erste, der wegen Frechheit ins Gras beißt.“

Sie holte das Scharfschützengewehr aus dem Laderaum. Grimmer nahm es ihr ab und überprüfte automatisch, ob es gesichert war.

„Meine alternativen Ausweise bringe ich dir heute Nachmittag vorbei.“

Grimmer zögerte einen Moment. „Ich könnte sie heute Abend abholen. Und bei der Gelegenheit vielleicht eine kleine Runde mit deinem neuen Spielzeug drehen. Bis jetzt bist du damit hier noch nicht aufgekreuzt. Ich habe das Gefühl, dass mir Schreiber die Gelegenheit versaut hat, mir so ein Ding mal genauer anzusehen.“

„Gut. Dann treffen wir uns heute Abend im Ruhr-Center. Wie geht es deiner Frau?“

Grimmers Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Nicht besonders. Sie hat gerade einen neuen Schub hinter sich. Das Gehen fällt ihr immer schwerer.“

Seit vielen Jahren war Alexandra nicht mehr fähig, Mitgefühl zu empfinden. In diesem Moment hätte sie gern etwas gesagt, das wenigstens danach klang. Aber nicht einmal das brachte sie zustande.

„Es tut mir leid, Herbert. An dieser Stelle sagt man wohl: Wenn ich etwas tun kann, bin ich für dich da.“ Sie sah ihm direkt in die graublauen Augen. „Aber das sind Floskeln. Du musst da selbst durch, dabei kann dir niemand helfen.“

Grimmer nickte. „Danke, dass du mich mit dem ganzen hohlen Gequatsche verschonst.“ Er sah auf das Gewehr, dann zu Alexandra. „Bis später dann“, sagte er und ging ins Gebäude.


Sie ließ Dahlhausen hinter sich, folgte grob dem Verlauf der Ruhr und fuhr nach Hause in die Ruhrstadt. Den Mercedes brachte sie zur Inspektion in die Werkstatt; danach nahm sie die Straßenbahnlinie 49 nach Bredenfeld. In der Bahn ging sie die letzten Stunden noch einmal durch. Was sie wirklich bedauerte, war, dass sie das Scharfschützengewehr hatte abgeben müssen. Es war sorgfältig eingeschossen, zuverlässig und ihr vertraut. Bereits jetzt prüfte sie in Gedanken, wie realistisch es war, über ihre Kontakte wieder an ein solches Gewehr zu kommen.


Die Ansage der Haltestelle Gewerbepark Borsigkamp riss sie aus ihren Gedanken. Die Bahn bremste quietschend, die Türen klappten auf, und Alexandra trat hinaus.

Der ÖPNV-Knotenpunkt bot Anschluss an fast alle Bus- und Straßenbahnlinien in Ruhrstadt. Die Haltestellen lagen entlang eines großzügig gepflasterten Vorplatzes, der sich vor dem Ruhr-Center ausbreitete. Neben dem künstlich angelegten Teich führte ein U-Bahn-Abgang mit zwei Rolltreppen und einem Lift aus Glas und Stahl hinunter zur U3.


Am Rand des Teichs nahm Alexandra auf einer Bank Platz. Aus der Wasserfläche schoss eine dreißig Meter hohe Fontäne. Ihr gleichmäßiges Zischen überlagerte die Durchsagen der einfahrenden Busse und Straßenbahnen ebenso wie deren Fahrgeräusche.

In der warmen Luft lag der frische Geruch von Grünschnitt, der von den Rasenflächen und Beeten rund um den Teich herüberwehte. Er mischte sich mit den Gerüchen aus Restaurants, Bäckereien und den verschiedenen Imbissständen. Ob das markante Gebäude oder der Wasserstrahl das Bild dieses Ortes stärker prägte, ließ sich schwer sagen.


Alexandra blickte auf ihre Uhr. Seit einer Stunde und fünfzig Minuten war sie wieder Zivilistin. Ihr Blick wanderte zu dem Gebäudewinkel. Seit sechs Monaten gehörte ihr das Restaurant, das unmittelbar an das Drei-Sterne-Restaurant ihres verhassten Halbbruders Julian Schröder grenzte. Sie hatte es nur gekauft, um ihm das Leben schwer zu machen. Die gesamte Familie Schröder, in der sie als unerwünschtes Familienmitglied aufgewachsen war, war ihr zuwider. Julian jedoch nahm in diesem Hass eine Sonderstellung ein.

Sie dachte daran, wie viele Menschen sie während ihres Militärdienstes im Nahen Osten und später bei der KSS getötet hatte. Während oder nach einer Tötung hatte sie nie mehr empfunden als das nüchterne Gefühl, etwas Richtiges getan zu haben. Liebe, Neid, Trauer oder Freude waren ihr fremd geworden. Nur wenn es um ihre Familie ging, blieb etwas übrig: abgrundtiefer Hass, der sie antrieb, den Schröders alles zu nehmen, worauf deren Macht gebaut war.

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ein älteres Ehepaar sie fragte, ob es sich zu ihr auf die Bank setzen dürfe. Sie sah die beiden kurz an und nickte. Dann fiel ihr Blick wieder auf das Ruhr-Center. Vor ihr zog sich der lange Gebäudeteil von Westen nach Osten. Er maß etwa dreihundert Meter in der Länge und zweihundert Meter in der Tiefe. An seinem östlichen Ende schloss sich der kürzere Gebäudeteil an. Er verlief von Norden nach Süden, begrenzte den Platz auf dessen rechter Seite und war zweihundert Meter lang und hundert Meter breit. Ein vollständiger Rundgang um das Gebäude entsprach 1,2 Kilometern.

Seit neun Jahren war es ihr Zuhause: oben auf Ebene sieben, die sich deutlich vom Rest des Gebäudes abhob. Unter ihr bestand die Fassade aus königsblauem Metall, unterbrochen nur von mittelgrauen Akzentlinien an Eingängen, Kanten und Schaufenstern. Ebene sieben dagegen war voll verglast; die Scheiben waren goldfarben verspiegelt. Eine Etage tiefer waren auch die Eckbüros mit demselben verspiegelten Glas ausgestattet. Das Gebäude wirkte imposant und nahm mit seinen
achtzigtausend Quadratmetern Grundfläche gewaltige Ausmaße an – sieben Ebenen über der Erde und drei darunter.

Alexandra stand auf und sagte kaum hörbar zu sich selbst: „Na, dann werde ich mir wohl ein ziviles Leben einrichten müssen.“ Dann ging sie zügig zum westlichen Zugang des langen Gebäudeflügels – dem Eingang zu den Büroebenen vier bis sechs und zu ihrer Wohnung auf Ebene sieben.