Kapitel 6 – La Maison Kern

Alexandra Kern alias Quiet Panther mit schwarzer Sturmhaube – sichtbar ist nur die Augenpartie mit smaragdgrünen Augen


Als Alexandra das La Maison Kern betrat, verlangsamte sie den Schritt.

Vor ihr öffnete sich ein breiter Mittelbereich, von dem aus alle Teile des Hauses erreichbar waren. Die zentrale Küche lag so, dass sie jeden Bereich ohne lange Wege versorgen konnte. Links befand sich La Brasserie, der große, offen angelegte Hauptbereich: hell, robust möbliert, lebhaft, aber geordnet. Hier aßen Center-Angestellte, Laufkundschaft und Familien; der eigene Außenzugang entlastete den Haupteingang und brachte zur Mittagszeit zusätzlich Gäste direkt von draußen herein.

Etwas weiter zurückgesetzt begann Le Bar. Von vorn war sie nur teilweise einzusehen, wodurch sie vom Kommen und Gehen des Eingangs abgeschirmt blieb. Gläser, Zapfhähne und Kaffeemaschine bestimmten den Tresen; hier konnte man kurz etwas trinken oder am Abend länger bleiben.

Rechts veränderte sich der Charakter des Hauses. Zuerst kam Le Café mit kleineren Tischen, gepolsterten Stühlen und einer ausgeleuchteten Vitrine für Torten, Tartelettes und Gebäck. Dahinter begann Le Baril. Dunkleres Holz, vertäfelte Wände und warme Stoffe gaben dem Raum einen rustikalen Zug, ohne ins Grobe oder Kitschige zu kippen. Die Küche ging in eine gehoben interpretierte texanisch-mexikanische Richtung, ergänzt durch vegetarische und vegane Gerichte, klassische Fleischgerichte, Wein, gute Biere und ausgewählte Spirituosen.

Ganz rechts, am Gebäudewinkel, lag Le Pavillon. Der Fine-Dining-Bereich war am deutlichsten vom übrigen Betrieb abgesetzt. Das Licht war gedämpft, die Tische standen weiter auseinander, die Ausstattung wirkte zurückhaltend und stilvoll. Direkt am Winkel zwischen langem und kurzem Flügel schloss der Außenbereich an, um den es Ärger mit den Schröders gab.


Alexandra setzte sich an die Bar und bestellte einen Americano. Sie beobachtete das Treiben in ihrem Betrieb. Dafür, dass der Laden erst seit zwei Wochen lief, war er gut besucht.

Martina Weinrich, die Restaurantleiterin, kam auf sie zu. Die schlanke Frau, Ende dreißig, bewegte sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Im Vorbeigehen bemerkte sie einen Gast, der ungeduldig auf die Uhr sah, und gab einer Servicekraft ein knappes Zeichen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Alexandra. Ihr honigblondes Haar trug sie kinnlang, die Spitzen leicht nach innen fallend. Die Frisur passte zu dem schmalen, klaren Gesicht mit der geraden Nase und den wasserblauen Augen.

„Julian Schröder ist außer sich. Er will Sie wegen der Räumungsklage sprechen“, sagte sie, kaum dass sie bei Alexandra stand.

„Eigentlich gibt es nichts zu besprechen, die Rechtslage ist eindeutig. Ich werde ihn später mal anrufen. Gibt es sonst irgendetwas Besonderes?“

„Wir brauchen dringend Personal. Wir entwickeln uns schneller als gedacht. Unsere Auslastung liegt bereits über fünfzig Prozent.“

„Wie viele?“, fragte Alexandra und war positiv überrascht, dass sich ihre Gastronomiesparte so schnell entwickelte.

„Zwei im Service. Sie sollten mehr können, als Teller tragen und freundlich schauen. Dazu wäre jemand sinnvoll, der sich mit Wein wirklich auskennt. Außerdem brauchen wir in der Küche noch eine Kraft, die auf gehobenem Niveau arbeitet. Ich wüsste sogar, wo ich das Personal herbekommen könnte, aber ich fürchte, dass Sie damit nicht glücklich wären.“

Alexandra sah Martina auffordernd an, weiterzusprechen.

„Vom Kaiserhof. Einige der Mitarbeiterinnen wollen gerne zu uns wechseln.“ Martina warf einen kurzen Blick auf das Klemmbrett. „Marlis und Bettina aus der Küche, Lisa, Melanie und Sarah aus dem Service, dazu Antje, die Sommelière. Ich fürchte nur, dass Julian Schröder dann erst recht Ärger machen wird. Er ist ohnehin schon aufgebracht, seit Sie eröffnet haben, und dass Sie ihm den Außenbereich wegnehmen wollen, macht die Sache nicht besser.“

Alexandra stellte die Tasse ab. Das Porzellan klirrte leise auf der Untertasse. „Selbst im Kaiserhof verpflichten Arbeitsverträge nicht zur Leibeigenschaft. Sie sind dafür verantwortlich, dass der Laden hier gut funktioniert. Um Probleme mit den Schröders kümmere ich mich. Wen von den Mitarbeiterinnen wollen Sie übernehmen?“

„Am liebsten würde ich alle sechs einstellen. Im Moment brauchen wir sie vielleicht noch nicht vollständig. Aber wenn wir Mitarbeiterinnen aus einer funktionierenden Sterneküche bekommen können, wäre es falsch, sie abzuweisen. Wenn das hier so anzieht, wie ich es erwarte, brauchen wir ohnehin bald mehr Personal. Und gute Leute bleiben nicht lange ohne Angebot. Wenn wir sie jetzt nicht nehmen, heuern sie vielleicht woanders an.“

Alexandra nickte. „Dann stellen Sie sie ein. Alle. Und wenn noch mehr kommen wollen, rufen Sie mich an.“

Martina zog leicht die Augenbrauen hoch. Sie hatte mit Vorbehalten gerechnet, nicht mit einer so klaren Entscheidung.

Martina lächelte verunsichert. „Das wird das Nachbarschaftsverhältnis zum Kaiserhof nicht gerade verbessern.“

„Ich lege keinen Wert auf gute Nachbarschaft mit den Schröders“, sagte Alexandra kühl.

In diesem Moment klingelte Martinas Mobiltelefon. Sie meldete sich, hörte kurz zu und legte dann die Hand über das Handy.

„Wenn man vom Teufel spricht: Es ist Julian Schröder. Er will Sie sofort sprechen“, sagte sie leise.

„Sagen Sie ihm, er soll in einer Stunde ins Le Baril kommen.“

Alexandra hörte, wie Julian Martina anschrie: „Glauben Sie ernsthaft, dass Sie mich irgendwohin bestellen können?“ Sie bedeutete ihr, dass sie das Gespräch übernehmen wollte. Martina sah erleichtert aus und gab ihr das Handy.

„Hör auf mit deiner Schreierei. Wenn du etwas von mir willst, dann komm in einer Stunde ins Le Baril.“ Alexandras Stimme klang wie immer: weich, mit einer warmen Klangfarbe. Ihr Gesicht blieb gleichgültig, fast unbewegt. Nur ihr Blick veränderte sich. Er wurde kalt und hart, so scharf, dass Martina einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass diese Stimme und dieser Blick zu derselben Frau gehörten.

„Und noch was, Julian: Wenn du meine Restaurantleiterin noch einmal anschreist, bekommst du mit mir so richtig Ärger! Geschäftliches klärst du mit mir.“

Alexandra beendete das Gespräch grußlos, und ihr harter, eisiger Blick löste sich augenblicklich auf.

„Wenn er Sie noch mal anruft, heben Sie nicht mehr ab.“

Alexandra fragte Martina, ob es noch Unklarheiten bezüglich der Personalfragen gab. Sie verneinte. Sie bat Martina darum, ihr einen Tisch im Le Baril zu reservieren und verschwand in Richtung Ausgang.


Martina sah Alexandra nachdenklich hinterher. Sie hatte ihre Chefin noch nie geschminkt gesehen. Ihr dichtes, dunkelblondes Haar reichte bis zum unteren Rand der Schulterblätter und war stufig in einem weichen V geschnitten. Es fiel ihr in breiten, unruhigen Wellen über die Schultern und wirkte meist eher leicht verstrubbelt als frisiert. Dazu trug sie wie fast immer ein weites Hemd, Cargohosen und schwarze Schuhe, die eher praktisch als elegant waren. Ihr Gesicht wirkte entweder ernst oder ausdruckslos. Martina konnte sich nicht erinnern, sie je fröhlich gesehen zu haben. Ihre Bewegungen hatten nichts von beiläufiger weiblicher Eleganz. Sie hatte eher eine militärische Haltung, die ihre Unnahbarkeit und Distanziertheit noch weiter verstärkte.