Vergangenheit, 9 Jahre zuvor
Alexandra verließ den Lift auf Ebene sechs. Das Treppenhaus roch noch immer nach derselben Mischung aus Reinigungsmitteln. Der Geruch riss sie abrupt neun Jahre zurück – zu jenem fünfzehnten Geburtstag, an dem ihre Mutter sie hier ins Ruhr-Center gebracht hatte, ins Machtzentrum der Familie Schröder.
Ilona Schröder, geborene Kern, hatte ein Kind bekommen, das sie nie gewollt hatte. Nicht von ihrem Mann Markus. Wer Alexandras wirklicher Vater war, wussten nur wenige: ihre Großeltern Hermann und Marion, Ilona selbst, Frank – und Markus. Damals war Markus in Peking, wo er mit den Chinesen über den Bau einer Motorenfabrik verhandelte. Als er zurückkam, war Ilona bereits im vierten Monat.
Die Familie schwieg. Alexandra erfuhr nie, wer ihr Vater war. Stattdessen lernte sie früh, was Hass bedeutete und wie sich Verachtung anfühlte. Körperliche und psychische Gewalt gehörten zu ihrem Alltag. Mitleid empfand niemand.
In der Villa Concordia lebten die Schröders wie ein eigener Staat unter einem Dach. Großeltern, Söhne und Schwiegertöchter, Enkel, bei den Älteren längst auch deren Partnerinnen und Partner – drei Generationen in einem System aus Patriarchat, bedingungsloser Loyalität und Unterordnung.
Der Einzige, der sie in dieser Familie mochte, war Julian, der Sohn von Frank Schröder. Leider mochte er sie auf eine Weise, die sie nie vergessen sollte. Als die gesamte Familie für eine Woche in die Karibik flog, blieb Julian in der Villa zurück. Mit neunzehn hatte er gerade die Geschäftsleitung des Sternerestaurants übernommen und wollte seinen neuen Status als Chef lieber genießen, als mit in den Urlaub zu reisen. Alexandra wurde knapp mitgeteilt, dass sie nicht mitdürfe. Sie war damals vierzehneinhalb, wirkte älter, als sie war, und Julian sah in ihr nicht das Kind, das sie noch war. Er machte sie mit Gewalt gefügig und missbrauchte sie über Tage hinweg.
Sie vertraute sich ihrer Mutter an. Ilona glaubte ihr nicht. Sie schlug sie wegen dieser, wie sie es nannte, bösartigen Lüge.
Alexandra ging zur Polizei. Vielleicht wäre alles anders ausgegangen, wenn sie nicht die Enkelin des Bürgermeisters der Ruhrstadt gewesen wäre – Hermann Schröder, schwerreicher Industrieller mit Geld, Einfluss und einem weit verzweigten Netzwerk. Eine junge Polizistin nahm den Fall ernst. Julian verstrickte sich in Widersprüche. Der Fall kam vor Gericht.
Doch die Machtverhältnisse waren eindeutig. Gutachten wurden gegen sie gewendet, Zweifel systematisch gestreut, bis am Ende das Opfer selbst auf der Anklagebank saß.
Das Urteil lautete auf einhundertsechzig Sozialstunden – wegen falscher Verdächtigung und Vortäuschung einer Straftat.
Als Alexandra sechzehn war, griff ein Journalist den alten Fall noch einmal auf und interviewte sie. Alexandra erklärte, dass sie damals nicht gelogen habe. Sie sagte, Julian habe sie mit Gewalt gefügig gemacht, über Tage misshandelt und vergewaltigt. Ihre Mutter habe anschließend alles getan, um sie zum Schweigen zu bringen. Auch die Justiz, sagte sie, habe ihr nicht geglaubt.
Die Schröders reagierten umgehend. Sie stellten Strafantrag wegen Verleumdung und ließen ihr auf zivilrechtlichem Weg jede weitere Wiederholung der Vorwürfe untersagen. Frau Grothe finanzierte Alexandra eine renommierte Anwältin. Es half nichts. Das Gericht verurteilte sie wegen Verleumdung zu Freizeitarrest an zwei Wochenenden. Wieder stand nicht Julian unter Rechtfertigungsdruck, sondern Alexandra.
Erst kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag erfuhr sie, dass Julian Schröder nicht ihr Cousin war, sondern ihr Halbbruder.
Ihr fünfzehnter Geburtstag war der Tag, an dem die Familie sie auslagerte wie einen Geschäftsbereich, der nicht länger zum Kerngeschäft gehören sollte.
Kaum war Alexandra damals aus dem Aufzug getreten, machte sie einen Schritt in Richtung des Bürotrakts der Schröder Capital Group AG. Doch die Stimme ihrer Mutter schnitt durch das Treppenhaus.
„Bleib da!“
Ohne ihre Tochter anzusehen, schloss Ilona die Stahltür rechts vom Aufzug auf.
Alexandra wusste, wohin diese Tür führte: nach Ebene sieben. Jene Etage, über die in der Familie immer wieder geredet wurde. Ihre Großmutter hatte nie aufgehört, den Großvater damit zu verhöhnen – wegen der zehn Millionen, die er, so ihre Worte, zum Fenster hinausgeworfen hatte. Was genau es mit dieser Ebene auf sich hatte, wusste Alexandra nicht. Irgendetwas im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg.
Drei Treppenabsätze führten U-förmig um den Aufzugsschacht nach oben. Ihre Mutter entriegelte ein Stahlgitter, das den Zugang am Ende der Treppe versperrte. Alexandra zögerte. Ihr Magen zog sich zusammen. Ilona schob sie grob hindurch.
„Mach voran, Mädchen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
Das Gitter fiel hinter ihr mit einem hallenden Klirren ins Schloss. Alexandra zuckte zusammen und drehte sich um. Rechts neben dem Gitter, das den Rückweg ins Treppenhaus versperrte, befand sich eine verschlossene Aufzugtür. Man konnte hier nicht hochfahren – im Aufzug gab es keinen Knopf für diese Ebene. Und selbst wenn: Das zweite Gitter davor machte jeden Versuch zunichte. Ihre Mutter grinste.
„Was machen wir hier oben?“, fragte Alexandra leise.
„Du hast doch sonst so eine blühende Fantasie“, sagte ihre Mutter zynisch. „Denk dir was aus.“
Sie trat zur einzigen Tür auf der quadratischen Fläche – vielleicht fünf mal fünf Meter groß – am Ende dieses kahlen Treppenhauses. Ohne ein weiteres Wort schloss sie auf.
Zögernd trat Alexandra bis an die Schwelle. Die Luft roch nach frischer Farbe, Holz und neuen Stoffen, kühl und fremd. Ihre Hände waren schweißnass.
Der Raum öffnete sich weit vor ihr. rechts und hinten zogen sich bodentiefe Fenster entlang. Dahinter lagen eine Freifläche, dann eine dreiviertel Meter hohe Mauer, auf der Glasscheiben bis zu einem Glasdach aufsaßen. Das musste die verspiegelte Front sein, die man von außen auf der obersten Ebene sehen konnte. In der hinteren Ecke stand eine Eckbank, davor ein großer Tisch. Drei Stühle an der langen, einer an der kurzen Seite. Entlang der linken Wand standen niedrige Holzschränke, am Ende eine Tür. Es wirkte wie eine Wohnung.
Rechts von ihr lag die Küche. Eine L-förmige Theke, dunkles Blau, Granitplatten. Der Fußboden sandfarben, die Wände apricot. Alles wirkte ordentlich und neu, als hätte sich jemand über die Einrichtung viele Gedanken gemacht.
Ilona setzte sich auf einen Barhocker.
„Das hier ist dein neues Zuhause. Ab sofort wohnst du hier. Für die Villa Concordia gilt ab heute Betretungsverbot.“
Alexandra starrte sie an.
„Warum?“, fragte sie, den Tränen nahe.
Ilona Schröder stand auf und schlug zu.
„Weil du ein verlogenes Dreckstück bist!“
„Ich habe nicht gelogen. Warum glaubst du mir nicht?“
Die zweite Ohrfeige kam härter. Ilona rieb sich danach die Handfläche. Tränen liefen über Alexandras Gesicht, doch sie weinte nicht – nicht aus Stärke, sondern weil sie den triumphierenden Ausdruck ihrer Mutter nicht ertrug, wenn sie sie demütigte.
„Wage es nicht, deine Lügen noch einmal in den Mund zu nehmen.“ In ihrer Stimme lag eine eindeutige Drohung. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Eingerichtet hat das meine Schwägerin Ilka. Wenn es dir nicht gefällt, beschwer dich bei ihr.“
Ilona legte einen Schlüsselbund auf die Theke.
„Blau – Stahltür Ebene sechs, Gittertür am Ende der Treppe und Gittertür vor dem Aufzug. Du kannst den Aufzug nach oben rufen, aber nur, wenn er leer ist. Hochfahren kannst du nicht. Gelb – Wohnungstür. Rote Markierung – diese Tür.“
Sie zeigte auf eine Tür rechts von der Wohnungstür.
„Alles dahinter gehört nicht zu deiner Wohnung. Ob du dort Kontrollgänge machst, ist dir überlassen. Alle Zugänge in den Räumlichkeiten hinter dieser Tür sind von der anderen Seite gesperrt. Die Schlüssel stecken nur auf deiner Seite.“
Sie legte vier weitere Schlüsselbunde auf die Theke.
„Hier sind die Ersatzschlüssel zu den Türen. Damit du nicht wieder behauptest, jemand aus meiner Familie dringe in dein Zimmer ein und vergreife sich an dir – niemand hat Zutritt zu deiner Wohnung.“
Alexandra stand neben ihrer Mutter, die Schultern hängend. Die Worte erreichten sie nur noch wie durch dichten Nebel.
Ilona legte eine Kreditkarte und einen Zettel auf die Theke.
„Wir haben ein Konto für dich eingerichtet. Bis zu deiner Volljährigkeit bekommst du monatlich fünftausend Euro. Als Starthilfe liegen zwanzigtausend darauf. Die Zugangsdaten fürs Onlinebanking stehen auf dem Zettel.“
Sie griff in ihre Handtasche, zog ein Bündel Geldscheine heraus und warf es achtlos auf die Theke.
„Das dürfte fürs Erste reichen. Deine Sachen bekommst du bis spätestens um zwölf – die Hausmädchen packen sie, und ein Fahrer bringt sie hierher.“
Alexandra blickte auf das Geld, die Kreditkarte und den Zettel. Alles lag vor ihr, was man zum Leben brauchte, und nichts von dem, wonach sie sich sehnte: Geborgenheit, Wärme, Menschlichkeit. Sie bemerkte nicht, dass sie anfing zu zittern. „Warum, Mama? Warum hasst du mich so?“
„Noch einmal, Alexandra – und zum allerletzten Mal: Ich habe dich nicht gewollt. Du warst ein Unfall. Ich bereue, dass ich den Zeitpunkt verpasst habe, dich habe wegmachen zu lassen. Ich habe nie etwas für dich empfunden, und ich werde es nie.“
Alexandra schluckte. Ilona fuhr fort:
„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich dich zur Adoption freigegeben.“
Alexandra reagierte sofort.
„Wer war dagegen? Mein Vater?“
Ilonas Stimme wurde höhnisch.
„Dein Vater? Der hätte dich nach deiner Geburt am liebsten ersäuft.“
Es war ein Schlag, härter als jede Ohrfeige.
„Hör auf, nach ihm zu fragen. Du wirst es nie von mir erfahren. Mag sein, dass ich kein gutes Verhältnis zu dir habe – aber dein Vater ist ein Arschloch. Durch und durch.“
Es traf Alexandra ins Mark. Sie glaubte ihr nicht. Und doch war da Unsicherheit. Vielleicht wusste er nichts. Vielleicht hatten die Schröders ein Kontaktverbot erzwungen. Vielleicht gab es andere Gründe. Vielleicht war sie ihm aber auch völlig gleichgültig.
Ihre Mutter wandte sich zum Gehen. Alexandra hielt sie mit Worten zurück.
„Wenn er so war, wie du sagst – warum hast du dann mit ihm geschlafen?“
Ilona drehte sich um und schlug ihr erneut ins Gesicht. Wortlos öffnete sie die Wohnungstür und ging. Die Tür fiel ins Schloss.
Etwa zehn Sekunden später klopfte es. Dumpf, kaum hörbar.
Alexandra öffnete.
„Ich komm hier nicht weg. Habe keine Schlüssel mehr.“
Alexandra kämpfte mit den Tränen. Nicht wegen der schmerzenden Wange, sondern weil ihr mit aller Deutlichkeit bewusst wurde, dass das schmale Band, das sie noch mit ihrer Mutter verbunden hatte, endgültig gerissen war.
Sie schloss das Gitter zum Aufzug auf. Der Aufzug kam. Ihre Mutter stieg ein. Die Tür schloss sich.