Kapitel 6 – La Maison Kern

Alexandra Kern alias Quiet Panther mit schwarzer Sturmhaube – sichtbar ist nur die Augenpartie mit smaragdgrünen Augen


Als Alexandra das La Maison Kern betrat, verlangsamte sie den Schritt.

Vor ihr lag ein klar gegliederter Betrieb. Der Haupteingang führte in einen breiten Mittelbereich, von dem aus sich die verschiedenen Teile des Hauses erschlossen. Schon nach wenigen Schritten war erkennbar, dass hier nichts zufällig nebeneinanderstand. Links lagen die ruhigeren, stärker profilierten Bereiche. Rechts befand sich La Brasserie, der große, offen angelegte Hauptbereich, in dem es schneller zuging, lauter war und der meiste Umsatz gemacht wurde.

Martina Weinrich, die Restaurantleiterin, kam ihr entgegen. Die schlanke Frau, Ende dreißig, bewegte sich mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, an der man sofort erkannte, dass sie Personal führte, Gäste band und den Betrieb auch dann im Blick behielt, wenn es gleichzeitig an mehreren Stellen eng wurde. Ihr honigblondes Haar trug sie kinnlang, glatt geföhnt, die Spitzen leicht nach innen fallend. Die Frisur passte zu dem schmalen, klaren Gesicht mit der geraden Nase und den hellen Augen. Dazu eine dunkle Stoffhose, eine helle Bluse und ein hellgraues Jackett.

Neben ihr wirkte Alexandra wie das Gegenteil. Martina hatte sie noch nie geschminkt gesehen. Ihr dichtes schwarzes Haar fiel in breiten, leicht wilden Wellen über die Schultern bis an den unteren Rand der Schulterblätter. Dazu trug sie wie fast immer ein weites Hemd, Cargohosen und schwarze Schuhe, die eher praktisch als elegant waren. Ihr Gesicht wirkte entweder ernst oder ausdruckslos. Martina konnte sich nicht erinnern, sie je auch nur andeutungsweise lächeln gesehen zu haben. Sie hätte das nie offen angesprochen. Aber sie fragte sich jedes Mal, warum diese junge Frau so wenig aus ihrer Erscheinung machte. Martina hatte in ihrer ganzen Laufbahn noch nie erlebt, dass eine Inhaberin so wenig Wert darauf legte, wahrgenommen zu werden. Womöglich wusste nicht einmal jeder im Haus, wer sie eigentlich war.

„Wie sieht es aus?“

Martina blieb vor ihr stehen. Auch jetzt wirkte sie gesammelt. Nur die leicht gespannte Partie an den Mundwinkeln und ein feiner Glanz auf der Stirn verrieten, wie lang der Tag bereits war.

„Gut. La Brasserie läuft besser, als ich erwartet hatte.“

Alexandra wandte den Blick nach rechts. Dort saßen Familien mit vollen Einkaufstaschen an Vierertischen beim Essen, zwei Männer in Arbeitskleidung aßen schweigend nebeneinander Currywurst mit Pommes und tranken dazu Bier. Weiter hinten schob eine Servicekraft einen Wagen zur Rückgabe. Es war lebhaft, aber geordnet. Keine langen Reihen wie in einer alten Betriebskantine, sondern helle Tische, robuste Stühle und genug Abstand, damit der Raum trotz des Andrangs nicht billig wirkte.

„Der eigene Außenzugang zahlt sich aus“, sagte Martina. Ihre Stimme passte zu ihr – klar, kontrolliert, weder scharf noch weich. „Zur Mittagszeit kommt ein großer Teil der Leute direkt von draußen rein. Center-Angestellte, Laufkundschaft, Familien. Das entlastet den Haupteingang deutlich.“

Alexandra nickte. Genau dafür war er vorgesehen gewesen.

Rechts vom Eingangsbereich lag Le Glacier, die Eisdiele des Hauses. Die Front war hell gehalten, die Vitrine bereits gefüllt, dahinter arbeiteten zwei junge Frauen mit routinierter Geschwindigkeit. Vor dem Außenverkauf hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Kinder drängten nach vorn, zeigten auf einzelne Sorten und redeten durcheinander, während Erwachsene wartend danebenstanden. Im Innenbereich saß ein Mann an einem kleinen Tisch und aß langsam einen großen Eisbecher.

Etwas weiter nach hinten versetzt lag Le Bar. Von vorn war der Bereich nur teilweise einzusehen. Gerade das nahm dem Kommen und Gehen die Schärfe. Gläser standen sauber ausgerichtet in den Regalen, hinter dem Tresen glänzten die Zapfhähne, eine Kaffeemaschine arbeitete leise. Wer nur kurz etwas trinken wollte, bekam es hier ebenso wie jemand, der am Abend länger bleiben würde.

Zur linken Seite hin veränderte sich der Charakter des Hauses spürbar. Dort lagen die Bereiche mit stärkerem Eigenprofil. Zuerst Le Café mit kleineren Tischen, gepolsterten Stühlen und einer Vitrine, in der Torten, Tartelettes und Gebäck sauber ausgeleuchtet lagen. Es roch nach Espresso, warmer Butter und frischem Brot. Dahinter begann Le Baril. Dunkleres Holz, vertäfelte Wände und warme Stoffe gaben dem Raum einen rustikalen Zug, ohne ins Grobe zu kippen. Küche und Ausstattung folgten einem gehoben interpretierten Western-Style – warm in der Wirkung und frei von jeder billigen Folklore. Die Karte ging in eine texanisch-mexikanische Richtung, von vegetarischen und veganen Gerichten bis zu klassischen Fleischgerichten. Wein, gute Biere und ausgesuchte Spirituosen rundeten das Konzept ab.

Ganz links, näher zum Gebäudewinkel, lag Le Pavillon. Der Fine-Dining-Bereich war am klarsten vom übrigen Betrieb abgesetzt. Das Licht war etwas gedämpfter, die Tische standen weiter auseinander. Alles wirkte zurückhaltend, aber gesetzt. Von hier aus war der Übergang nach draußen am kürzesten. Genau dort, am Winkel zwischen langem und kurzem Flügel des Ruhr-Centers, lag der Bereich, um den Julian Schröder bereits Theater machte.

„La Brasserie trägt den Laden im Moment“, sagte Martina. Sie schlug das Klemmbrett auf und strich mit dem Daumen über den Rand des Papiers, eine kleine, eingespielte Bewegung. „Dort stimmt die Auslastung. Der Außenzugang funktioniert. Die Leute kommen rein, essen, gehen wieder. Das läuft.“

„Und links?“

„Le Café entwickelt sich ordentlich. Le Glacier zieht eher am Nachmittag. Le Bar wird am Abend stärker werden. Le Baril braucht noch etwas Zeit.“ Sie hob kurz den Blick. „Le Pavillon ist betriebsbereit. Ausstattung, Abläufe, Anbindung an die Küche – das steht. Was fehlt, ist Personal.“

„Wie viele?“

„Zwei im Service. Sie sollten mehr können, als Teller tragen und freundlich schauen. Dazu wäre jemand sinnvoll, der sich mit Wein wirklich auskennt. Außerdem brauchen wir in der Küche noch eine Kraft, die auf gehobenem Niveau arbeitet. Ich wüsste sogar, wo ich das Personal herbekommen könnte, aber ich fürchte, dass Sie damit nicht glücklich wären.“

Alexandra sah Martina auffordernd an, weiterzusprechen.

„Vom Kaiserhof. Einige der Mitarbeiterinnen wollen gerne zu uns wechseln.“ Martina warf einen kurzen Blick auf das Klemmbrett. „Marlis und Bettina aus der Küche, Lisa, Melanie und Sarah aus dem Service, dazu Antje, die Sommelière. Ich fürchte nur, dass Julian Schröder dann erst recht Ärger machen wird. Er ist ohnehin schon aufgebracht, seit Sie eröffnet haben, und dass Sie ihm den Außenbereich wegnehmen wollen, macht die Sache nicht besser.“

Alexandra schob die Hände in die Hosentaschen. „Na und? Wir sind ein freies Land. Wenn Leute den Arbeitsplatz wechseln wollen, dann tun sie das.“

Martina sagte nichts.

„Wen von ihnen wollen Sie nehmen?“

Martina zögerte keine Sekunde. „Am liebsten alle. Im Moment brauchen wir sie vielleicht noch nicht vollständig. Aber wenn wir Mitarbeiterinnen aus einer funktionierenden Sterneküche bekommen können, wäre es falsch, sie abzuweisen. Wenn das hier so anzieht, wie ich es erwarte, brauchen wir ohnehin bald mehr Personal. Und gute Leute bleiben nicht lange ohne Angebot. Wenn wir sie jetzt nicht nehmen, heuern sie vielleicht woanders an.“

Alexandra nickte.

„Dann stellen Sie sie ein. Alle. Und wenn noch mehr kommen wollen, rufen Sie mich an.“

Martina zog leicht die Augenbrauen hoch. Sie hatte mit Vorbehalten gerechnet, nicht mit einer so klaren Entscheidung.

„Mir soll es recht sein. Gute Mitarbeiterinnen zu finden, ist schwer genug. Ich wollte nur, dass Ihnen klar ist, was das bedeutet. Mit dem Kaiserhof wird das keine gute Nachbarschaft.“

„Ich lege keinen Wert auf gute Nachbarschaft mit den Schröders“, sagte Alexandra kühl.

In diesem Moment klingelte Martinas Mobiltelefon. Sie meldete sich, hörte kurz zu und legte dann die Hand über das Handy.

„Wenn man vom Teufel spricht. Es ist Julian Schröder. Er will Sie sofort sprechen“, sagte sie leise.

„Sagen Sie ihm, er soll in einer halben Stunde ins Le Baril kommen.“