Grimmer folgte Alexandra zu ihrem Wagen. „Tja, das war es dann wohl“, sagte sie trocken.
Grimmer nickte bedauernd. „Wenn er dich nicht heute rausgeworfen hätte, dann morgen oder nächste Woche. Schreiber hatte von Anfang an ein Problem mit dir. Hättest vielleicht öfter mal einen Knicks machen sollen.“ Grimmer grinste freudlos. „Was hast du nun vor?“
Alexandra zuckte mit den Schultern. „Ich werde mich um mein Restaurant kümmern. Bis das so richtig läuft, gibt es noch viel zu tun. Langweilig wird mir ganz sicher nicht.“
Er sah sie skeptisch an. „Ja, sicher. Du als Restaurantleiterin. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du Gäste begrüßt und mit ihnen über Wein diskutierst, der auf der Zunge herumstolpert, im Abgang nach Maul- und Klauenseuche schmeckt und lange im Hals kratzt.“
Sie nahm aus dem Laderaum das Scharfschützengewehr. Grimmer nahm es ihr ab und überprüfte automatisch, ob es gesichert war.
„Meine alternativen Ausweise bringe ich dir heute Nachmittag vorbei.“
Grimmer zögerte einen Moment. „Ich könnte sie heute Abend abholen. Und bei der Gelegenheit vielleicht eine kleine Runde mit deinem neuen Spielzeug drehen. Bis jetzt bist du damit hier noch nicht aufgekreuzt. Ich habe das Gefühl, dass mir Schreiber die Gelegenheit versaut hat, mir so ein Ding mal genauer anzusehen.“
„Ja gut, warum nicht. Wie geht es deiner Frau?“
Grimmers Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Nicht besonders. Sie hat gerade einen neuen Schub hinter sich. Das Gehen fällt ihr immer schwerer.“
Seit vielen Jahren war sie nicht mehr fähig, Mitgefühl zu empfinden. In diesem Moment wünschte sie sich, sie könnte es wenigstens vortäuschen. Aber selbst das konnte sie nicht.
„Ich wünschte, ich könnte diese beschissene Krankheit mit einer Kugel erledigen. Aber MS ist ein Feind, den man nicht zu fassen bekommt. Er tötet Stück für Stück, langsam und unaufhaltsam.“
„Es tut mir leid, Herbert. An dieser Stelle sagt man wohl: Wenn ich etwas tun kann, bin ich für dich da.“ Sie sah ihm in die Augen. „Aber das sind Floskeln. Niemand kann da etwas tun. Da bist du allein mit deiner Frau.“
Grimmer nickte. „Danke, dass du mich mit dem ganzen hohlen Gequatsche verschonst.“ Er sah auf das Gewehr, dann zu Alexandra. „Bis später dann“, sagte er und ging ins Gebäude.
Über die A40 fuhr sie in die Ruhrstadt, brachte den Mercedes zur Inspektion in die Werkstatt und nahm danach die Straßenbahnlinie 49 nach Bredenfeld. Sie ließ die letzten Stunden Revue passieren und bedauerte nur, dass sie das Scharfschützengewehr abgeben musste. Sie hatte es sorgfältig eingeschossen und es war eine äußerst zuverlässige Waffe. Sie dachte bereits darüber nach, wie realistisch es war, über ihre Kontakte wieder an ein solches Gewehr zu kommen.
Die Ansage der Haltestelle Gewerbepark Borsigkamp riss sie aus ihren Gedanken. Die Bahn bremste quietschend, Türen klappten auf, und Alexandra trat hinaus. Der ÖPNV-Knotenpunkt grenzte an den weit gepflasterten Vorplatz des Ruhr-Centers, Busse und Bahnen hielten im Minutentakt. Stimmen hallten über die offene Fläche, Schuhsohlen klackten auf den Steinplatten, dazwischen das Zischen der Türen. Sie ging zügig zum südwestlichen Zugang des kurzen Gebäudeflügels – dem Eingang zu den Büroebenen vier bis sechs und zu ihrer Wohnung auf Ebene sieben. Für die Besonderheiten des Gebäudes und das Leben auf dem Platz hatte sie heute keinen Blick. Menschen gingen mit Einkaufstaschen an ihr vorbei, andere saßen auf den Bänken oder standen an den Imbissständen, Kinder liefen zwischen ihnen hindurch. Alexandra prüfte routinemäßig die Umgebung auf mögliche Bedrohungen.