Alexandra Kern war sechzehn Jahre alt, als sie zum zweiten Mal als Angeklagte vor Gericht stand, weil sie behauptet hatte, von ihrem Cousin Julian Schröder vergewaltigt worden zu sein.
Sie saß neben ihrem Verteidiger auf einer harten Holzbank und blickte zum Richtertisch. Vor ihr lagen einige Aktenmappen und lose Blätter auf der breiten Tischplatte, dahinter saß die Richterin in ihrer schwarzen Robe. An der Wand über ihr hing das Landeswappen. Durch die hohen Fenster fiel das trübe Licht eines verregneten Vormittags in den Gerichtssaal. Regentropfen liefen über die Scheiben, und das matte Grau des Himmels ließ den ohnehin nüchternen Raum noch farbloser wirken.
Alexandra hatte die Hände im Schoß ineinandergelegt und zwang sich, ruhig zu bleiben. Die Kante der Holzbank drückte gegen ihre Oberschenkel. Hinter ihr saßen ihre Mutter und Markus Schröder, der seit ihrer Geburt als ihr Vater galt, obwohl Alexandra nicht von ihm abstammte. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass sie dort waren. Beim Betreten des Saals hatte sie Ilona in einem dunkelblauen Kostüm gesehen, die blonden Haare sorgfältig frisiert, daneben Markus mit jener geringschätzigen Miene, mit der er Alexandra schon als Kind angesehen hatte.
Auch Julian war gekommen. Er hatte am Vormittag als Zeuge ausgesagt und Alexandras Vorwürfe erneut bestritten. Ruhig und ohne sichtbare Regung hatte er erklärt, die Vergewaltigung habe nie stattgefunden und Alexandra habe die Geschichte erfunden. Seine Stimme war gleichmäßig geblieben, selbst als er Einzelheiten aus ihrer Aussage zurückgewiesen hatte.
Seit seiner Aussage saß er direkt neben ihren Eltern, gepflegt gekleidet und äußerlich vollkommen ruhig. Alexandra hatte während seiner Aussage nur einmal zu ihm hinübergesehen. Bei seinem Anblick wurde ihr schlecht. Er hatte dort gesessen, als ginge es um eine Angelegenheit, die mit ihm nichts zu tun hatte. Niemand, der ihn an diesem Vormittag sah, hätte vermutet, was er ihr anderthalb Jahre zuvor angetan hatte.
Alexandra erinnerte sich dagegen an jedes einzelne Detail. Sie war vierzehneinhalb gewesen, als Julian sie vergewaltigt hatte. Als sie danach ihrer Mutter erzählte, was geschehen war, hatte Ilona sie zunächst schweigend angesehen. Alexandra erinnerte sich noch daran, wie sie ihr gegenübergestanden und darauf gewartet hatte, dass ihre Mutter etwas sagte. Für einen kurzen Moment hatte sie geglaubt, Ilona brauche nur etwas Zeit, um zu begreifen. Dann hatte ihre Mutter sie gefragt, warum sie solche Geschichten erzähle. Selbst als Alexandra noch einmal schilderte, was Julian ihr angetan hatte, glaubte Ilona ihr kein Wort. Ihre Mutter hatte sie sogar geohrfeigt und gesagt, dass sie eine Lügnerin sei.
Also war Alexandra zur Polizei gegangen. Eine junge Polizistin hatte ihre Aussage aufgenommen, Fragen gestellt und sie erzählen lassen. Alexandra hatte ihr gegenüber an einem Schreibtisch gesessen, während die Beamtin sich Notizen machte und immer wieder nach Einzelheiten fragte. Zum ersten Mal hatte Alexandra das Gefühl gehabt, dass jemand ihr tatsächlich zuhörte. Sie hatte Dinge beschrieben, über die sie am liebsten niemals gesprochen hätte, und jedes Mal darauf gewartet, dass auch diese Frau ihr irgendwann nicht mehr glaubte.
Doch die Polizistin hatte nicht an ihre Aussage gezweifelt.
Danach war der Fall bei der Staatsanwaltschaft gelandet. Alexandra hatte darauf vertraut, dass gegen Julian Anklage erhoben und vor Gericht geklärt würde, was geschehen war.
Doch das Verfahren gegen Julian war eingestellt worden.
Stattdessen hatte die Staatsanwaltschaft gegen Alexandra ermittelt. Schließlich hatte nicht Julian auf der Anklagebank gesessen, sondern sie selbst. Man hatte ihr falsche Verdächtigung vorgeworfen. Die Aussagen der Familie Schröder hatten schwerer gewogen als ihre eigene, und am Ende war Alexandra schuldig gesprochen worden und hatte Arbeitsstunden ableisten müssen.
Kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag hatte die Familie auch den letzten Rest der Verbindung zu ihr gekappt. Die Schröders lebten in Concordia, einer Villa mit hundertzwanzig Zimmern, deren Name Eintracht und Harmonie versprach. Beides hatte Alexandra dort nie erlebt. Das weitläufige Anwesen und die großen Räume waren für sie nie ein Zuhause gewesen. Zu oft hatte sie sich dort wie jemand gefühlt, der lediglich geduldet wurde.
Das weitverzweigte Firmenimperium der Familie wurde von Wirtschaftsexperten auf anderthalb Milliarden Euro geschätzt. Ihr Einfluss beschränkte sich nicht auf Unternehmen und Arbeitsplätze, sondern reichte weit in die Politik, die Verwaltung und die Justiz. Alexandra war als das Produkt eines Seitensprungs von Ilona Schröder, geborene Kern, in diese Familie hineingeboren worden und hatte nie wirklich zu ihr gehört.
Nach dem ersten Prozess hatte man dafür gesorgt, dass sie endgültig aus dem Familienverband verschwand. Im Ruhr-Center, von dem aus die Schröders ihr Firmenimperium lenkten, erhielt sie eine Wohnung auf Ebene sieben. Jeden Monat wurde ihr mehr Geld überwiesen, als eine Fünfzehnjährige brauchte. Das Geld erschien zuverlässig auf ihrem Konto. Ansonsten blieb sie sich selbst überlassen. Niemand fragte, wie sie zurechtkam, und niemand wollte wissen, was in jener Nacht tatsächlich geschehen war.
Ein Jahr lang hatte Alexandra versucht, sich damit abzufinden. Dann war ein Journalist auf den Fall aufmerksam geworden und hatte Kontakt zu ihr aufgenommen. Alexandra hatte zunächst gezögert. Zu genau erinnerte sie sich daran, wohin ihre erste Aussage geführt hatte. Schließlich hatte sie dennoch erneut erzählt, was Julian ihr angetan hatte. Wieder beantwortete sie Fragen und schilderte den Tathergang so genau, wie sie es bereits bei der Polizei und vor Gericht getan hatte.
Zum ersten Mal seit Langem keimte in ihr die Hoffnung auf, dass die Wahrheit vielleicht doch noch ans Licht kommen könnte.
Die Zeitung veröffentlichte den Artikel unter der Überschrift:
„Lügenbaronin der Ruhrstadt zu Unrecht verurteilt?“
Alexandra hatte die Überschrift gehasst. Schon das Wort „Lügenbaronin“ machte aus ihr wieder diejenige, deren Glaubwürdigkeit infrage stand. Trotzdem stellte der Artikel wenigstens Fragen, die zuvor niemand hatte stellen wollen.
Für einige Tage glaubte sie, diesmal könnte etwas anders werden.
Doch erneut erlebte sie, wie weit der Einfluss der Familie Schröder reichte. Wieder wurde nicht gegen Julian ermittelt. Stattdessen ließ er durch seine Anwälte Strafantrag wegen Verleumdung gegen Alexandra stellen. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen sie ein.
Schließlich musste Alexandra sich ein zweites Mal vor Gericht verantworten.
Jetzt saß sie hier und hörte der Richterin zu. Draußen strich der Regen über die hohen Fensterscheiben. Im Saal war es still genug, dass Alexandra das leise Rascheln von Papier hörte, wenn die Richterin eine Seite umblätterte.
Es ging um ihre erneuten Behauptungen gegenüber dem Journalisten, um den veröffentlichten Artikel und um Aussagen, die bereits Gegenstand des ersten Verfahrens gewesen waren. Die Richterin sprach ruhig und sachlich. Alexandra begriff nur langsam worauf es hinauslaufen würde.
Dann fiel das Urteil, das sie zutiefst schockierte. Zwei Wochen Jugendarrest.
Sie bewegte sich nicht. Neben ihr rückte ihr Verteidiger auf seinem Stuhl ein Stück näher und sagte leise etwas zu ihr, doch Alexandra nahm nur einzelne Worte wie durch dichten Nebel wahr.
Bis zu diesem Moment hatte ein Teil von ihr noch immer daran geglaubt, dass die Wahrheit irgendwann genügen musste. Dass jemand erkennen würde, was tatsächlich geschehen war, wenn sie nur bei den Tatsachen blieb, nichts ausschmückte und jedes Detail genauso wiedergab, wie sie es erlebt hatte. Nun begriff sie, dass sie sich geirrt hatte.
Die Familie Schröder besaß Geld, Beziehungen und Einfluss. Alexandra besaß nur die Wahrheit – und die zählte nichts, rein gar nichts.
Als ihr Verteidiger aufstand, erhob auch sie sich. Hinter ihr wurden Stühle gerückt und gedämpfte Stimmen ausgetauscht. Alexandra drehte sich nicht nach ihrer Familie um. Sie wollte weder das Gesicht ihrer Mutter noch das von Julian sehen. Auf dem Weg zur Tür fiel ihr Blick noch einmal auf das Landeswappen über dem Richtertisch. Zum ersten Mal fragte sie sich, ob Recht und Gerechtigkeit tatsächlich etwas miteinander zu tun hatten. Dann verließ sie den Saal.
Damals wusste sie noch nicht, wie sehr diese Frage ihr weiteres Leben bestimmen würde.