Kapitel 7 – Der Konflikt


Alexandra saß an einem Tisch in der äußersten Ecke des Le Baril und hatte sich einen veganen Hamburger und ein „Null Komma Josef“ bestellt, ein alkoholfreies Bier der Wiener Brauerei Ottakringer. Es war das beste alkoholfreie Bier, das sie kannte. Ihr Lieblingsbier blieb allerdings das Hövels Original aus Dortmund. Alkohol trank sie nur zu Hause. Schon kleinste Mengen verlangsamten die Denkleistung und die Reaktionsgeschwindigkeit.

Sie hob das Glas, nahm einen kleinen Schluck und stellte es wieder ab, als die Tür aufging.

Julian Schröder kam eine Viertelstunde zu früh. Er konnte es offenbar nicht abwarten, seinem Ärger Luft zu machen. Er betrat das Lokal, sah sich suchend um und entdeckte sie nach wenigen Sekunden. Als sich ihre Blicke trafen, spannte sich sein Gesicht an.

Er war etwa einen Meter achtzig groß, breitschultrig und kräftig gebaut. Alexandra hatte bei den Männern der Schröders mehr als einmal den Eindruck gehabt, dass sie ihr Auftreten an Hermann Schröder, ihrem Großvater, ausrichteten. Bei Julian kam etwas anderes hinzu. Man sah, wie bewusst er an dieser Wirkung arbeitete. Das dunkelbraune Haar war sauber frisiert, der graue Maßanzug saß makellos, die Krawatte war präzise gebunden. Die dunklen Lederschuhe waren so sorgfältig poliert, dass sie das Licht der Bar spiegelten. Unter der Hemdmanschette blitzte beim Gehen kurz eine Patek Philippe hervor.

Es hatte sich nie ganz vermeiden lassen, dass er ihr in den vergangenen Jahren über den Weg gelaufen war. Direkten Kontakt hatten sie jedoch nicht gehabt. Sie waren einander ausgewichen.


Er setzte sich, ohne sie zu begrüßen, und warf einen Brief auf den Tisch.

Die Kellnerin kam und brachte den Hamburger. Dann wandte sie sich an Julian und fragte, ob er etwas bestellen wolle. Er nahm die Getränkekarte, überflog sie kurz und entschied sich für den teuersten Whisky, den das Le Baril zu bieten hatte: einen Macallan. Sechsundzwanzig Euro für vier Zentiliter.

Alexandra nahm den Hamburger in beide Hände und biss ein kleines Stück ab. Ihr Gesicht blieb reglos, doch in ihr brodelte es. Er war parfümiert, aber sein Körpergeruch drang trotzdem zu ihr durch. Es war kein bloßer Geruch. Es war der Gestank eines Mannes, der sie gefoltert und vergewaltigt hatte. Seine Nähe löste in ihr abgrundtiefen Ekel und Übelkeit aus. Es kostete sie alle Kraft, ihm nicht ins Gesicht zu schlagen oder abrupt aufzustehen und den Tisch zu verlassen. Sie zwang sich, desinteressiert zu wirken, und biss ein zweites Mal in den Hamburger.

Er tippte mit dem Zeigefinger auf den Brief. „Ich nehme an, du weißt, warum ich hier bin.“ Seine Stimme war gerade laut genug, dass die anderen Gäste ihn nicht hören konnten.

Alexandra biss erneut ein kleines Stück von ihrem Hamburger ab und fixierte seine Augen. Sie schwieg, kaute langsam und rang mit ihrer Übelkeit.

„Bist du noch ganz dicht? Du lässt mir über deine Kanzlei eine Räumungsklage zustellen und willst dreißigtausend Euro Schadensersatz pro Tag?“

Sie nahm die Bierflasche und goss sich nach.

Die Flasche an der Tischkante zerschlagen und ihm den abgebrochenen Flaschenhals in die Kehle stoßen – eine Kreatur weniger, dachte sie, stellte die Flasche zurück auf den Tisch und antwortete gelangweilt: „Dir sollte bekannt sein, dass ich das Restaurant mitsamt dem Gastgarten von der Grothe GmbH gekauft habe. Es gehört mir seit sechs Monaten. Du hast alle drei Räumungsfristen verstreichen lassen. Seit zwei Wochen läuft mein Betrieb, und mir entgehen täglich Unsummen.“

Wieder biss sie ein kleines Stück von ihrem Hamburger ab. Sie kaute und sprach weiter.

„Der Gastgarten bietet Platz für hundert Personen. Pro Platz entgehen mir täglich dreihundert Euro, und das ist bereits entgegenkommend kalkuliert. Du hast den Gastgarten widerrechtlich genutzt und zahlst jetzt dafür die Zeche.“


Sie hatte ihn ununterbrochen fixiert, und er hatte den Blick bereits zweimal gesenkt. Er nippte an seinem Whisky und sah sie zornig an.

„Was willst du wirklich, du kleines Miststück?“

„Dir das Leben schwer machen. Dein Restaurantimperium läuft nicht besonders gut. Der Kaiserhof ist der einzige Laden, der Gewinne abwirft. Viel Promi-Verkehr, genau das, was du liebst: wichtige Leute um dich zu haben. Und das werde ich dir wegnehmen. Am besten verschwindest du aus dem Ruhr-Center. Für uns beide ist hier kein Platz.“

Ihr Ekel wuchs, und sie zwang sich, gleichgültig zu wirken. Ihr Tonfall war wie immer zu weich. Wenn sie schärfer sprach, kippte ihre Stimme in einen unangenehm hellen Ton, den man schnell als aufgeregt oder hysterisch einordnete. Also hatte sie schon vor langer Zeit damit aufgehört, laut und hart klingen zu wollen.

Genau diese ruhige und gelassene Art brachte Julian auf die Palme. An ihr schien einfach alles abzuprallen. Er wusste, dass er den Kampf um den Außenbereich nicht gewinnen konnte. Womit er nicht gerechnet hatte, war die Schadensersatzklage. Und wie ihm sein Anwalt bereits mitgeteilt hatte, würde es schwer werden, diese abzuwenden. Die Restaurant- und Hotelsparte, die er innerhalb der Schröder Capital Group leitete, machte kaum noch Gewinne, und die Schadensersatzzahlung würde ein weiteres tiefes Loch in die Bilanz reißen – ein Loch, das er sich derzeit nicht leisten konnte.

Julian blickte sich kurz um. Drei Tische weiter hatte sich ein junges Pärchen gesetzt, und alles, was die beiden zu interessieren schien, war die Speisekarte. Er hatte Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. In den letzten zehn Jahren hatte Alexandra sich verändert. Damals war sie blutjung gewesen, außergewöhnlich hübsch und hatte eine erotische Ausstrahlung, wie er sie nie wieder bei einer Frau erlebt hatte.

Heute war sie eine Frau, mit der sich Männer wie er nicht öffentlich zeigten. Dafür fehlte ihr alles, worauf in seinen Kreisen Wert gelegt wurde. Sie trug keine sichtbaren Statuszeichen, kein Make-up, keine sorgfältig inszenierte Weiblichkeit. Das weite, kurzärmlige Hemd nahm ihrem Körper jede klare Linie. Sie tat alles, um nicht begehrenswert zu wirken, und war es trotzdem. Sie hatte nichts von ihrer erotischen Strahlkraft verloren.

Er war von ihrer ausdruckslosen Mimik irritiert, denn sie stand im krassen Kontrast zu ihrem Blick. Ihre dunkelblauen Augen fixierten ihn intensiv. Ihr Blick war eiskalt und stechend wie der einer Raubkatze, die auf der Lauer lag.

„Einigen wir uns darauf, dass jeder die Hälfte vom Gastgarten bekommt, und ich zahle dir pro Monat fünfhundert Euro pro Tisch. Ich denke, das ist ein faires Angebot“, schlug er vor und blickte dabei auf seine Uhr, um ihrem Blick auszuweichen.

Alexandra reagierte nicht. Ihre Übelkeit nahm zu. Sie war kurz davor, den Tisch zu verlassen. Es war nicht nur seine Stimme. Nicht nur sein Geruch. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der er ihr gegenübersaß, als habe er ein Recht darauf, mit ihr zu verhandeln. Dazu dieses schmierige Lächeln. Für einen Moment riss es sie aus der Gegenwart. Sie hörte nicht mehr das gedämpfte Stimmengewirr im Le Baril, sondern ihr eigenes Schreien von damals. Sie spürte fast den stechenden Schmerz am kleinen Zeh und an der Achillessehne, als sich die Krokodilklemmen in ihre Haut fraßen, und den beißenden Strom, der durch ihre Füße geschossen war. Aber all das war nichts, gemessen an dem, was er danach mit ihr getan hatte.

Die Erinnerung verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Das Stimmengewirr im Le Baril kehrte zurück. Alexandra blieb am Tisch sitzen, den Hamburger vor sich, die Bierflasche neben ihrer rechten Hand. Julian wartete auf eine Antwort und glaubte offenbar, sie denke über sein Angebot nach.

Sie fixierte ihn weiter. Die Übelkeit war noch da und saß tief im Magen, aber der schlimmste Schub war vorbei. Sie hatte solche Flashbacks öfter, und sie überrollten sie von einem Moment auf den anderen wie ein Panzerwagen. Sie spielten sich meist in Bruchteilen von Sekunden ab. Ihr Körper beruhigte sich nicht. Er stellte nur um. Weg von der Flucht. Hin zum Angriff.

„Nein“, sagte sie ruhig. „Du räumst den Gastgarten vollständig.“

Sie nahm das Glas und trank einen kleinen Schluck. Die Kälte legte sich auf Zunge und Gaumen. Im nächsten Moment schluckte sie, hart genug, um den Würgereiz zurückzudrängen. Die Übelkeit blieb, aber sie stand ihr nicht mehr in der Kehle.

„Du bist ziemlich störrisch.“ Julian grinste sie breit an. „Hast du vergessen, dass ich alles bekomme, was ich möchte? Ich fand es damals sehr erfüllend mit dir, und es wird Zeit, dass wir es wiederholen. Vielleicht bist du dann bereit, zu kooperieren.“

Unbändige Wut löste die Übelkeit ab. Er saß in ihrem Lokal und kündigte an, sie erneut zu vergewaltigen. Und er lächelte sie dabei an. Ihr Verstand mahnte sie zur Besonnenheit, aber ein Minimum an verbaler Entgleisung war nicht zu vermeiden.

„Du vergisst eines, kleiner Junge. Ein Schlappschwanz wie du kann Kinder dominieren, aber eine Frau wie mich heute nicht. Du bist ein Versager auf ganzer Linie – im Bett, und als Geschäftsmann hast du ebenfalls keine Qualitäten.“

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er sie ohrfeigen, dann riss er sich zusammen. Er lächelte sie erneut an. „Du wirst darum betteln, mir deinen beschissenen Biergarten verkaufen zu dürfen!“

Er trank seinen Whisky aus, stellte das Glas hart auf den Tisch und ging zur Bar, um zu bezahlen.


Ein kalter Schauer lief Alexandra durch den ganzen Körper, als die Erinnerung an die Tat in ihrer ganzen Grausamkeit erneut in ihrem Kopf ablief. Sie war erleichtert, dass er den Tisch verlassen hatte. Der Ekel vor ihm war unerträglich geworden, und seine Nähe hatte sie kaum noch ausgehalten.

Ihr Blick sank auf ihre Unterarme. Die feinen Haare hatten sich aufgestellt.

Es passierte jedes Mal, sobald etwas an damals rührte. Ihr Körper reagierte schneller, als sie denken konnte. Selbst ein Paar, das sich in ihrer Nähe zu innig küsste, konnte diesen Ekel auslösen. Dann floss ein kalter Schauer durch ihren Körper, die Härchen richteten sich auf, und für einen Moment war sichtbar, was sie vor anderen verborgen hielt.

Sie strich langsam über den rechten Unterarm, als könnte sie die Reaktion wegwischen.

Seit Jahren dachte sie darüber nach, sich die Haare an Armen und Beinen dauerhaft entfernen zu lassen. Stoffe reizten ihre Haut, enge Ärmel und Hosen machten es schlimmer. Ihre Hautärztin hatte ihr erklärt, dass bei sehr empfindlicher Haut eine solche Irritation auftreten könne. Der Stoff bewegte die feinen Härchen bei jeder Arm- und Beinbewegung. Der Zug daran übertrug sich auf die Haarfollikel und löste diesen unangenehmen Juckreiz aus.

Ohne Haare wäre sie diesen ständigen Juckreiz endlich los, und das verräterische Aufrichten gäbe es auch nicht mehr, sobald der Ekel sie wieder packte.

Sie trank einen Schluck Bier, nahm ihr Handy und buchte online einen Termin bei ihrer Hautärztin.

Kurz darauf rief Grimmer an und sagte ihr, dass er heute nicht kommen könne. In der KSS gehe es gerade drunter und drüber. Es habe sich etwas ereignet, das alle Aufmerksamkeit erfordere.

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