Kapitel 1 – Unter Beobachtung

Alexandra Kern alias Quiet Panther mit schwarzer Sturmhaube – sichtbar ist nur die Augenpartie mit smaragdgrünen Augen

Alexandra stand am Südhang des Teutoburger Waldes, etwa drei Kilometer von Lengerich entfernt, tief im dichten Buschwerk. Sie trug eine schwarze Sturmhaube. Ihre Haare hatte sie zusammengebunden und unter dem Hemdk verschwinden lassen. Das olivgrüne Hemd, die schwarze Cargohose, schwarze SWAT-Boots und dünne schwarze Baumwollhandschuhe machten sie im Gelände nahezu unsichtbar. Seit einer Stunde wartete sie auf die Zielperson.

Über ihrer Schulter hing das Mk 13 Mod 7 an einem Tragriemen – ein Scharfschützengewehr, wie es auch vom United States Marine Corps verwendet wird. Es war mit präzisionsoptimierter Matchmunition im Kaliber .300 Winchester Magnum geladen und hatte eine effektive Reichweite von rund 1300 Metern.

Ihr Blick lag auf dem Feldweg, der schnurgerade auf den Wald zulief und kurz vor dem Rand in einem sanften Bogen nach Westen abknickte. Von ihrer Position aus fiel das Gelände flach ab. Die Sicht nach Süden war offen genug, um jede Bewegung früh zu erkennen, ohne selbst sichtbar zu werden. Die Apple Watch zeigte 6:47 Uhr. Wenn Heiko Sandner seine morgendliche Trainingsroutine einhielt, würde er in etwa fünf Minuten auftauchen.

Heiko Sandner war der operative Kopf dessen, was das BKA intern den Hansering nannte – einer Drogenorganisation, die fast den gesamten deutschen Markt und weite Teile der Benelux-Länder beherrschte. Ein Teil der Gewinne floss an eine Terrorzelle, die sich selbst als vierte Generation der RAF verstand. Damit war Sandner nicht mehr nur Sache von Polizei und Staatsanwaltschaft, sondern ein Sicherheitsrisiko mit politischer Sprengkraft. Strafrechtlich blieb er unangreifbar. Er tauchte in keinem Geschäft selbst auf, ließ Weisungen über Mittelsmänner laufen und hielt sich aus allem heraus, was sich ihm direkt zuordnen ließ. Für eine Anklage reichte das nicht. Deshalb hatte man Alexandra geschickt.

Durch ihr Fernglas, ein Leica Ultravid 8×20, sah sie zwei Personen auf dem Feldweg, etwa einen Kilometer entfernt, direkt auf sie zukommen. Für die Beobachtung nutzte sie lieber das handliche Glas, als schon jetzt reglos hinter dem Gewehr zu verharren. Stundenlang auf dem Bauch zu liegen ging selbst trainierten Leuten auf Rücken, Nacken und Schultern Als die beiden nur noch 500 Meter entfernt waren, sah sie durch das Zielfernrohr ihres Scharfschützengewehrs, das auf einem Zweibein ruhte. Es waren Sandner und einer seiner Leibwächter, Dirk Ostrowski – ein skrupelloser Mann, der wegen Vergewaltigung, schwerer Körperverletzung, Bankraubs und anderer Delikte mehrfach vorbestraft war.

Sie beobachtete Sandner seit vierzehn Tagen und wusste so gut wie alles über ihn: wann er aufstand, das Haus verließ, mit wem er sich traf, wo er zu Mittag aß. Heute war das erste Mal, dass er nicht allein lief.

„Ausgerechnet heute“, murmelte sie leise.

Es war kein Ärger. Eher dieses kurze, kalte Innehalten, in dem ein Plan sich auflöste und sofort ein anderer an seine Stelle trat.

Sie ließ die beiden näher herankommen und dachte die nächsten Sekunden bereits bis zum Ende durch. Wenn sie Sandner erschoss, würde es ein bis zwei Sekunden dauern, bis Ostrowski begriff, was geschehen war. Danach würde er den Weg so schnell wie möglich zurückrennen. Deckung gab es dort keine. Sie würde ihn bekommen, egal wie schnell er rannte.

Sie visierte Sandners Kopf an. Plötzlich blieb er stehen und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche seiner Sporthose. Im selben Moment hörte sie die Stimme ihres Einsatzleiters im Kopfhörer.

„Quiet Panther, hier Backbone. Abbruch. Operation Morgenrot sofort abbrechen. Bestätigen Sie.“

Alexandra hatte Sandner im Visier. Da er telefonierte und stillstand, nahm sie sich die Zeit zu antworten.

„Backbone, hier Quiet Panther. Operation Morgenrot bereits abgeschlossen.“

Die Stimme des Einsatzleiters kam scharf zurück und hatte einen Unterton, den Alexandra nicht einordnen konnte.

„Quiet Panther, hier Backbone. Wiederholen Sie.“

Alexandra wiederholte den Funkspruch und fügte hinzu: „Code 17.“ Code 17 stand für die Gefahr, entdeckt zu werden, und bedeutete den sofortigen Abbruch jeder weiteren Kommunikation. Sie schaltete die Funkverbindung ab. Dann war da wieder nur der warme Frühsommermorgen, der Duft des Waldes, das Gewehr in ihren Händen und Sandners Gesicht in der Zieloptik.

Dass diese beiden Männer für das Leid zahlloser Menschen verantwortlich waren, stand für Alexandra außer Frage. Ebenso wenig zweifelte sie daran, dass sie weiteres Leid verursachen würden, wenn sie jetzt nicht handelte. Für Alexandra hatten Sandner und Ostrowski ihr Recht auf Weiterleben verwirkt – und zwar jetzt. Basta.

Sandner stand in einer Entfernung von 150 Metern und telefonierte noch immer. Im Zielfernrohr lag das Absehen wie feine Drahtlinien über dem Bild: ein Kreuz, unter der Mitte in kurze Striche gegliedert. Der Mittelpunkt war schwach beleuchtet, kein greller Punkt, eher ein kleiner roter Glutkern, den sie zwischen seine Augen setzte. Ihr Finger lag am Abzug. Einen Wimpernschlag später war die Kugel unterwegs und traf ihr Ziel mit einer Geschwindigkeit von rund 900 Metern pro Sekunde.

Während Sandner telefonierte, war Ostrowski einige Schritte weitergegangen. Er rauchte eine Zigarette und blickte auf sein Handy. Dann knallte es plötzlich direkt neben ihm, kurz und scharf wie ein Peitschenhieb – der Überschallknall der Gewehrkugel, die nur knapp einen halben Meter an ihm vorbeiging. Im selben Moment schnitt ein messerscharfes Zischen durch die Luft, so nah, dass er zusammenfuhr und einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass etwas unmittelbar an ihm vorbeigeschossen war. Seine Augen weiteten sich. Erst einen Augenblick später folgte aus dem Wald vor ihm der dumpfe Mündungsknall. Das Echo sprang am Waldrand zurück und verhallte über die Felder. Ostrowski riss den Blick vom Handy hoch und sah sich hektisch um. Hinter ihm stürzte Sandner auf den Feldweg.

Nachdem Alexandra den Schuss abgegeben hatte, repetierte sie. Im nächsten Moment war das Gewehr wieder schussbereit.

Alexandra war überrascht, wie langsam Ostrowski reagierte. Er drehte sich zu Sandner um und starrte einen Moment wie gelähmt auf ihn, bevor er losrannte. Der kleine rote Glutkern im Zielfernrohr lag da bereits auf seinem rechten Schultergelenk. „Es darf nie persönlich werden“, ging ihr Regel Nummer eins durch den Kopf. Sie hätte Ostrowski nur zu gern mehrfach angeschossen, um ihn für sein schlimmstes Verbrechen – die Vergewaltigung einer jungen Frau – verbluten zu lassen. Doch sie hielt sich an ihr Regelwerk. Der Glutpunkt wanderte zu seinem Hinterkopf. Einen Wimpernschlag später verließ die zweite Kugel den Lauf der Präzisionswaffe und schlug ihm an diesem wunderschön sonnigen Frühsommertag in den Kopf.

Alexandra betrachtete die beiden Männer durch das Zielfernrohr. Sie lagen reglos am Boden. Beide waren zweifellos tot. Dann suchte sie das Gelände mit dem Fernglas nach möglichen Beobachtern ab. Es hatte nicht die Vergrößerung der Zieloptik ihres Gewehrs, reichte zum Absuchen nach Personen aber allemal und war deutlich leichter zu handhaben.

Es hätte sie gewundert, wenn in dieser verlassenen Gegend um diese Uhrzeit jemand unterwegs gewesen wäre. Und doch war da etwas, das sie störte, etwas, das nicht hierherpasste. Sie blieb in ihrem Versteck – dann sah sie es. Zuerst war es nur ein Geräusch gewesen, das nicht hierhergehörte. Jetzt glitt etwas von weit oben herab und näherte sich den beiden Toten. Eine Drohne, kaum größer als ein Krähenvogel, mit gedrungenem, dunklem Rumpf und vier kurzen Auslegern, an deren Enden die Rotoren saßen. Die Propeller verschwammen zu flimmernden Scheiben. Unter dem Rumpf hing ein kompaktes Kameramodul in einer beweglichen Halterung. Offenbar hatte das Gerät die Stelle schon vorher beobachtet. Jetzt zog es in etwa drei Metern Höhe Kreise über den Leichen.

Alexandra richtete das Zweibein höher aus. Aus der liegenden Position hätte sie die Drohne nur schwer treffen können. Sie ging auf ein Knie und nahm das Gerät ins Visier. Der erste Schuss verfehlte sein Ziel. Der zweite traf das Sensormodul unter dem Rumpf. Die Drohne kippte schlagartig zur Seite, taumelte noch einen Moment in der Luft und stürzte dann zwischen den Leichen zu Boden.

Alexandra nahm das Kameramodul erneut ins Visier. Sie war sich nicht sicher, ob die Kamera noch funktionierte. Der nächste Schuss zerstörte das Gehäuse endgültig. Schwarze Splitter, kleine Glasscherben und heller Staub stoben über den Feldweg. Hätte sie das Gerät übersehen, wäre sie beim Rückzug entdeckt worden.

Im Laufschritt hielt Alexandra sich in der Deckung des Waldrands und folgte dem parallel verlaufenden Feldweg durch das Unterholz. Rund zweihundert Meter westlich ihres Standorts hatte sie den elektrischen Mercedes G 580 zwischen dichten Sträuchern neben dem Feldweg abgestellt. Im gedämpften Licht verlor der Wagen mit seiner tiefschwarzen Lackierung zwischen Ästen und Blattwerk rasch an Kontur und war kaum zu erkennen. Sie verstaute den Repetierer und das Zweibein im Laderaum, stieg ein und fuhr los. Vom Antrieb war kaum etwas zu hören. Nur der Schotter knirschte unter den Reifen, und das Fahrwerk polterte dumpf durch ausgefahrene Spurrillen und tiefe Schlaglöcher, als sie in Richtung Landstraße fuhr.

Sie nahm die A1, wechselte am Kreuz Münster-Süd auf die A43, am Autobahnkreuz Bochum auf die A40 und am Autobahndreieck Bochum-West auf die A448. Über die Abfahrt Bochum-Weitmar verließ sie die Autobahn.

Während der Fahrt arbeitete sie die offenen Punkte durch, einen nach dem anderen, kühl und ohne Hast. Die Drohne ließ ihr keine Ruhe. Sandner hatte unzählige Feinde. Im Drogenmilieu war Überwachung nichts Ungewöhnliches. Rivalen beobachteten einander, lange bevor sie zuschlugen. Ebenso gut konnte das Gerät aber von einer Behörde stammen. Vielleicht vom BKA, vielleicht von jemand anderem. Sicher war nur, dass dort oben jemand mitgesehen hatte – und dass dieser Jemand jetzt wusste, dass Sandner und Ostrowski innerhalb von Sekunden ausgeschaltet worden waren.

Alexandra strich mit den Fingerkuppen über die Haare an ihrem rechten Ohr, so wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte. Der scharfe Ton ihres Einsatzleiters ging ihr nicht aus dem Kopf. Erst jetzt griff beides ineinander. Der Abbruchbefehl war in genau dem Moment gekommen, als Sandner noch lebte. Die Härte in der Stimme, der Unglaube, als Alexandra den Vollzug meldete – all das ergab nur dann Sinn, wenn die Leitstelle die Szene in Echtzeit gesehen hatte. Langsam wurde aus dem Gedanken Gewissheit. Die Drohne konnte niemand anderem gehören als dem ASO. In der Leitstelle würde man das nicht als Grenzfall werten. Nicht als einsatzbedingte Abweichung. Man würde es als das lesen, was es war – als offenen Ungehorsam im laufenden Einsatz.

„Das dürfte meine Personalakte ein wenig zu sehr beleben“, dachte sie und fuhr auf den Parkplatz vom Café Kleinschmidt. Falls man sie nachher aus dem KSS warf, dann wenigstens satt.

Als sie auf die Landstraße eingebogen war, hatte sie die Sturmhaube abgenommen, die Handschuhe ausgezogen, den Haarzopf aus dem Hemd gezogen und das Haargummi abgestreift. Jetzt saß in dem Caféhaus eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, einem olivgrünen Hemd und einer schwarzen Cargohose und fügte sich so unauffällig in den Raum ein, dass sie kaum auffiel. Sie hatte lange daran gearbeitet, genau diesen Effekt zu erzeugen: eine Frau zu sein, die man kein zweites Mal anschaute. Man nahm sie wahr – und vergaß sie im selben Moment wieder.

Im Gastraum roch es nach frischen Brötchen, aromatischem Kaffee und warmer Butter. Geschirr klapperte leise. Hinter dem Tresen zischte die Dampfdüse einer Maschine. Irgendwo raschelte Zeitungspapier. Das alles hatte eine fast absurde Friedlichkeit nach dem trockenen Knall der Schüsse, dem metallischen Sirren der Drohne und dem Staub, der über den Feldweg gestoben war.