Alexandra stand am Südhang des Teutoburger Waldes, etwa drei Kilometer von Lengerich entfernt, tief im dichten Buschwerk. Sie trug eine schwarze Sturmhaube; darunter hatte sie ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar eng zusammengebunden und flach im Nacken unter der Haube verstaut. Das olivgrüne Hemd, eine schwarze Cargohose, schwarze SWAT-Boots und dünne schwarze Baumwollhandschuhe machten sie so gut wie unsichtbar.Seit einer Stunde wartete sie auf die Zielperson.
Über ihrer Schulter hing das Mk 13 Mod 7 an einem Trageriemen. Ein Scharfschützengewehr, das auch vom United States Marine Corps verwendet wird. Das Gewehr war mit präzisionsoptimierter Matchmunition im Kaliber 300 Winchester Magnum geladen und hatte eine effektive Reichweite von rund 1300 Metern. Für ihre Zwecke war es bestens geeignet.
Ihr Blick war auf den Feldweg gerichtet, der schnurgerade auf den Wald zulief und kurz vor dem Rand in einem sanften Bogen nach Westen abknickte. Von ihrer Position aus fiel das Gelände flach ab, und die Sicht nach Süden war offen genug, um jede Bewegung früh zu erkennen, ohne selbst sichtbar zu werden. Die Apple Watch zeigte 6:47 Uhr. Wenn Heiko Sandner seine Trainingsroutine einhielt, würde er in etwa fünf Minuten auftauchen.
Heiko Sandner war ein Drogenhändler der übelsten Sorte. die Organisation in der er eine hochrangige Führungsposition einnahm, beherrschte fast den gesamten deutschen Markt und den der Benelux-Länder. Es war ein sehr einträgliches Geschäft, mit dem die Organisation eine Gruppe Terroristen finanzierte, die sich als vierte Generation der RAF verstand. Strafrechtlich war ihm nicht beizukommen. Also hatte Alexandra den Auftrag erhalten, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.
Durch ihr Fernglas sah sie zwei Personen auf dem Feldweg, etwa einen Kilometer entfernt, direkt auf sie zukommen. Als die beiden nur noch 500 Meter entfernt waren, betrachtete sie die Personen zur Identifikation durch die Zieloptik ihres Scharfschützengewehrs. Es waren Sandner und einer seiner Leibwächter, Dirk Ostrowski – ein skrupelloser Zeitgenosse der wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung , Bankraub und anderer Delikte mehrfach Vorbestraft war. Derzeit wurde gegen ihn wegen Vergewaltigung ermittelt.
Sie beobachtete Sandner seit 14 Tagen. Sie wusste so gut wie alles über ihn, und heute war das erste Mal, dass er nicht allein lief. „Ausgerechnet heute, an seinem letzten Tag im Hier und Jetzt!“, knurrte Alexandra verärgert. Dann konzentrierte sie sich auf die neue Situation. „Na schön, dann eben Planänderung!“,dachte sie. eigentlich wollte sie Sandner mit einem Distanzschuß von 400 Meter erledigen. Fallls irgendjemand irgendwo im Umkreis die Tötung mitbekam, würde man den Schützen im alten Bauernhof vermuten, der 100 Meter weiter östlich lag und sie hätte genügend Zeit zum verschwinden. Jetzt änderte sie ihren Plan. Sie würde Sandner bis auf 100 Meter herankommen lassen. Wenn sie ihn erschoß würde es ein bis zwei Sekunden dauern bis Ostrowski die Situation begriff. Er würde dann den Weg so schnell wie möglich zurückrennen aber es gab keine Deckung für ihn. Der verfallene Bauernhof war umzäunt und es würde zuviel Zeit kosten, den Zaun zu überwinden. Für Ostrowski gab es nur den Weg zurück oder über die Felder und Wiesen. Das Korn stand gerademal 30 Zentimeter hoch in dieser Jahreszeit. Sie würde ihn erledigen, egal wie schnell er rennen konnte.
Sie visierte Sandners Brust an. Plötzlich blieb er stehen und zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche seiner Sporthose. Gleichzeitig hörte sie die Stimme ihres Einsatzleiters im Kopfhörer. „Rubik, Backbone. Abbruch. Operation sofort abbrechen. Bestätigen Sie!“
Alexandra hatte Sandner im Visier. Da er jetzt telefonierte und stillstand, nahm sie sich die Zeit und antwortete: „Backbone, Rubik. Auftrag bereits abgeschlossen.“
„Rubik, Backbone. Wiederholen Sie!“
Alexandra wiederholte ihre Aussage und fügte hinzu: „Rückzug, Code 17“. Code 17 stand für die Gefahr entdeckt zu werden und aomit der Abruch jeglicher Kommunikation. Es war gesichert, das diese beiden Kreaturen für das Leid zahlloser Menschen verantwortlich waren und es weiter sein werden wenn sie jetzt nicht handeln würde. Zu oft wurden Operationen abgebrochen, weil man entschieden hatte, das Zielpersonen noch nützlich sein konnten um an größere Fische zu kommen. Wie Sandner an diesen Unmengen von Drogen kam, mit denen er handelte wußte niemand so recht und es gab Gerüchte, dass das BKA mit Hochdruck daran arbeitete Sandner Steuerhinterhziehung nachzuweisen um ihn dann unter Druck zusetzen seine Bezugsquellen preiszugeben. Sie würden ein Deahl mit ihm machen und er würde mit einem blauen Auge davon kommen. Sie hasste diese politischen Spielchen. „Sandner und dieser schmierige Muskelprotz Ostrowski haben ihre Existenzberechtigung verwirkt und damit basta!“, ging es ihr durch den Kopf.
Sandner stand in einer Entfernung von 150 Meter und telefonierte immer noch. Im Zielfernrohr lag das Absehen wie feine Drahtlinien über dem Bild: ein Kreuz, unter der Mitte in kurze Striche gegliedert, damit sie Entfernung und Haltepunkte mit einem Blick einschätzen konnte. Der Mittelpunkt war schwach beleuchtet, kein greller Punkt, eher ein kleiner roter Glutkern, den sie zwischen seine Augen positionierte. Ihr Finger lag auf den Abzug und einem Wimpernschlag später war die Kugel unterwegs und traf mit einer Geschwindigkeit von 900 Meter pro Sekunde ihr Ziel.
Ostrowski war während Sandner telefonierte einige Schritte weitergegangen und rauchte genüßlich eine Zigarette, während er auf sein Handy schaute. Dann knallte es plötzlich direkt neben ihm, kurz und scharf wie ein Peitschenhieb – der Überschallknall der Gewehrkugel, die nur knapp einen Meter an ihm vorbeiging. Gleichzeitig schnitt ein messerscharfes Zischen durch die Luft, so nah, dass er es eher fühlte als einordnen konnte. Einen Augenblick später kam aus dem Wald vor ihm der dumpfere Mündungsknall hinterher, schwerer und breiter im Klang, und beide Geräusche begannen sofort in der Landschaft zu arbeiten: ein kurzes, zerfaserndes Nachhallen, das am Waldrand zurücksprang und über den Feldweg ablief. Ostrowski zuckte zusammen und riss den Blick hoch, und sah sich hektisch um. Hinter ihm fiel Sandner mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
Nachdem Alexandra den Schuß abgegeben hatte, repetierte sie. Im nächsten Moment war das Gewehr wieder schussbereit.
Alexandra war überrascht, wie langsam Ostrowski reagierte. Er drehte sich zu Sandner um und verharrte einen Augenblick, bevor er losrannte. Der kleine rote Glutkern in der Zieloptik lag in diesem Moment bereits auf seinem Hinterkopf, und eine zweite Kugel verließ den Lauf der Präzisionswaffe.
Alexandra betrachtete die beiden Männer durch das Zielfernrohr, die jetzt am Boden lagen, und es gab keinen Zweifel, dass sie nicht mehr am Leben waren. Sie suchte das Gelände mit dem Fernglas nach etwaigen Beobachtern ab. Es hatte nicht die Vergrößerung der Zieloptik ihres Gewehrs, aber zum Absuchen nach Personen reichte es allemal und war zudem leichter zu handhaben.
Es hätte sie gewundert, wenn in dieser verlassenen Gegend um diese Uhrzeit noch jemand unterwegs gewesen wäre. Und doch war da etwas, das sie störte, etwas, das nicht hierher passte. Sie blieb in ihrem Versteck – und dann sah sie es. Zuerst war es nur das Geräusch gewesen, das nicht hierher gehörte; jetzt kam es im Gleitflug von weit oben herab und näherte sich den beiden Toten. Eine kleine Drohne, die in etwa fünf Metern Höhe Kreise um die Leichen zog.
Alexandra stellte das Zweibein so ein, dass sie knieend die Drohne ins Visier nehmen konnte. Der erste Schuss verfehlte sein Ziel, der zweite traf. Die Drohne kippte weg, stürzte ab und zertrümmerte beim Aufprall. Wenn sie die Drohne übersehen hätte, wäre sie beim Rückzug entdeckt worden.
Alexandra lief im Laufschritt durch den Wald. Rund zweihundert Meter westlich ihres Standorts hatte sie den Audi Q8 zwischen dichten Sträuchern abgestellt. Sie verstaute den Repetierer und das Zweibein im Kofferraum, stieg ein und fuhr los. Der leistungsstarke Elektromotor war kaum zu hören. Nur das Knirschen des Schotters unter den Reifen begleitete den Wagen, als sie in Richtung Landstraße fuhr.
Sie nahm die A1, wechselte am Kreuz Münster-Süd auf die A43, am Autobahnkreuz Bochum auf die A40 und am Autobahndreieck Bochum-West auf die A448. Über die Abfahrt Bochum-Weitmar verließ sie die Autobahn. Während der Fahrt überlegte sie wem die Drohne zuzuordnen war aber sie kam auf keinen grünen Zweig. Sandner hatte unzählige Feinde, dass brachte das Drogenmilieu zwangsläufig mitsich. Wahrscheinlich wurde er auch von Krimminellen überwacht. Möglicherweise war es auch eine Drohne vom BKA.
Bevor sie zur Leitstelle nach Dahlhausen fuhr, legte sie einen Zwischenstopp in einem Café ein und frühstückte in aller Ruhe.
Als sie auf die Landstraße eingebogen war, hatte sie die Sturmhaube abgenommen, die Handschuhe ausgezogen und das Haarband abgestreift. Jetzt saß im Caféhaus eine junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren, in einem dunkelgrünen Hemd und einer schwarzen Cargohose, und fügte sich so unauffällig in den Raum, dass sie kaum bemerkt wurde. Sie hatte lange daran gearbeitet, genau diesen Effekt zu erzeugen: eine Frau zu sein, die man kein zweitesmal ansah. Man nahm sie wahr – und vergaß sie im selben Moment wieder.