Um 10:33 Uhr traf Alexandra in der Einsatzzentrale der Koordinierungsstelle für Sonderlagen ein. Intern hieß die Stelle schlicht KSS. Der Bau in Bochum-Dahlhausen lag unscheinbar direkt an der Ruhr. Von außen hatte er mehr von einer Lagerhalle als von einer Behörde. Nichts deutete darauf hin, was hier tatsächlich untergebracht war.
In der KSS landete alles, was zu heikel, zu schmutzig oder politisch nicht tragbar war. Alexandra gehörte zur operativen Einheit der KSS. Sie führte verdeckte Einsätze gegen hochgefährliche Einzelakteure und Netzwerke, wenn nötig auch im Ausland. Die Aufträge kamen über gesicherte Terminals direkt aus dem Kanzleramt. Nach den Einsätzen blieben Tatorte zurück, an denen die Gewalt sichtbar war, ohne dass sich brauchbare Hinweise auf die Täter fanden. Dann begann der übliche Lärm. Die Medien machten daraus einen Fall, Strafverfolgungsbehörden ermittelten ins Leere, in der Politik wuchs der Druck, und in den sozialen Netzwerken wurde alles Mögliche hineinfantasiert. Dass die KSS hinter solchen Aktionen stand, wusste offiziell niemand.
Hinter dem Empfangstresen saß Klaus Veigel. Er trug ein helles Hemd, dessen Kragen leicht speckig aussah. Die Ärmel hatte er bis über die Unterarme hochgeschoben. Vor ihm lag eine geöffnete Besucherkladde, in der er mit einem Kugelschreiber eine Zeile nachzog.
Als Alexandra eintrat, hob er den Blick. „Morgen, Alexandra. Du sollst sofort zum Big Boss kommen“, sagte Klaus Veigel vom Empfang. Halblaut fügte er hinzu: „Der hat mal wieder ’ne Scheißlaune.“
Alexandra nickte nur. Bei Veigels letztem Satz sah sie ihn einen Moment lang an. Nicht überrascht, nicht verärgert – nur streng genug, dass er ihrem Blick auswich. In der KSS wusste jeder, wie sehr sie es hasste, jede noch so belanglose Bemerkung mit Kraftausdrücken zu garnieren.
„Arbeite lieber an deiner Figur als an meiner Ausdrucksweise“, dachte er verärgert und blickte ihr aus den Augenwinkeln nach.
Dass Schreiber wegen des Einsatzes Ärger machen würde, stand fest. Er wusste, dass sie Sandner trotz Abbruchbefehl getötet hatte. Also würde er es ihr jetzt um die Ohren hauen. Ohne langsamer zu werden, ging Alexandra auf die Tür zu, drückte die Klinke härter herunter, als nötig gewesen wäre, und trat ein.
Sofort war ihr klar, dass das heute nicht Schreibers übliches Tänzchen bei einem kleinen Strohfeuer sein würde. Das hier roch nach Großbrand. Ralf Schreiber, der Leiter der KSS, Torsten Regner, der Einsatzleiter, und Herbert Grimmer – ihr Führungsoffizier und Mentor – waren da, dazu ein Mann, den sie nur flüchtig kannte, der im Kanzleramt aber Gewicht hatte: Staatssekretär Dr. Günther Baumann.
Alexandra schloss die Tür hinter sich. Vor Schreibers wuchtigem Schreibtisch stand ein Stuhl. Sie blieb stehen und sah Schreiber direkt an.
„Setzen Sie sich“, sagte Schreiber.
Alexandra schüttelte leicht den Kopf und schob die Hände in die Hosentaschen. Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas.
Alexandras Blick ging durch die Runde. Regner spannte sich sofort an. Er legte Wert auf Form, und Alexandra hatte Schreibers Aufforderung, sich zu setzen, schlicht ignoriert. Bei Schreiber lag augenblicklich dieser vertraute Ärger im Gesicht. Er ertrug es nicht, wenn jemand seiner Autorität so ungerührt begegnete. Baumann schwieg. Sein Blick auf Alexandra war kühl und aufmerksam, aber nicht neutral. Bei Grimmer blieb ihr Blick einen Moment länger hängen.
Grimmer stand am Fenster und ignorierte wie üblich das Rauchverbot. Er hielt die Pfeife auf Brusthöhe. Daumen und Zeigefinger lagen am Stiel, der Pfeifenkopf ruhte in seiner Hand. Das Mundstück zeigte leicht schräg nach oben. Bevor er es an die Lippen führte, zog er mit dem Pfeifenstiel eine knappe Linie quer über seine Kehle. Dann nahm er einen Zug und stieß eine bläulich-graue Rauchwolke aus, die im schräg einfallenden Sonnenlicht vor dem Fenster schwebte. Er sah Alexandra nicht an wie die anderen. Sein Blick war wach, aber nicht hart.
Grimmer galt als hart und kompromisslos. Wer Mist baute, wurde nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet. Alexandras Alleingänge und eigenständige Entscheidungen waren immer wieder Anlass für heftige Auseinandersetzungen mit Schreiber und Regner. Bis auf ein einziges Mal hatte Grimmer immer hinter ihr gestanden. Seit Längerem kursierten Gerüchte, er arbeite daran, sie flachzulegen. Alexandra hielt das für dummes Gerede. In all den Jahren hatte er sie weder belästigt noch sich je anzüglich geäußert. Vor fünf Jahren hatte er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Genutzt hatte es nichts. Sie wurde ihm trotzdem zugeteilt, und er bildete sie härter und kompromissloser aus als jeden anderen seiner Schützlinge. Es ging sogar so weit, dass andere Führungsoffiziere ihn aufforderten, einen Gang zurückzuschalten. Grimmer hatte sie damals mit unnachgiebigem Blick angesehen und vor den anderen gesagt, entweder werde sie besser als alle anderen, oder sie könne gehen, heiraten, Kinder bekommen und sich den Rest ihres Lebens einreden, das sei alles gewesen, was sie je gewollt habe.
„Um wie viel Uhr haben Sie Sandner liquidiert?“, fragte Schreiber mit süffisantem Lächeln.
Jetzt ging das wieder los. Erst ließ er sie auflaufen, dann wollte er sie vor allen Leuten demontieren. Alexandra rollte mit den Augen, gerade weit genug, dass Schreiber es sehen konnte. Dann schob sie die Hände noch tiefer in die Hosentaschen.
„Etwa eine Minute nach dem Abbruchbefehl, Herr Schreiber“, sagte sie fast gelangweilt und betrachtete ihre staubigen SWAT-Boots.
Was Schreiber an Alexandra hasste, war weniger ihre Eigensinnigkeit als die Selbstverständlichkeit, mit der sie seinen Rang entwertete. Sie sprach ihn wieder nur als „Herr Schreiber“ an. Kein „Direktor“, kein hörbares Einlenken, kein Zeichen dafür, dass sie begriffen hatte, wer hier über wem stand. Dazu das offene, unordentliche Haar, hochgekrempelte Ärmel und die Hände wie immer in den Hosentaschen. Sie trat nicht auf wie jemand, der sich vor seinem Vorgesetzten zu verantworten hatte.
Sie hatte gewusst, wie das heute enden würde, bevor sie das Büro betreten hatte. Bitter war nur, dass ausgerechnet Schreiber der Mann war, über den sie am Ende stolperte. Sie war aus Überzeugung vom Militär hierher gewechselt. Und weil jemand die Drecksarbeit machen musste. Doch der bürokratische Kleingeist, der in diesem Apparat herrschte, seit Schreiber den Laden vor einem halben Jahr übernommen hatte, war ihr fremd geworden. In ihrem Gesicht bewegte sich nichts. Ein Songfetzen aus ihrer Lieblingsbar schob sich in ihre Gedanken. „Goodbye Stranger, it’s been nice.“
„Aha. Sie leugnen es nicht einmal?“ Seine Stimme kippte in einen unangenehmen nasalen Ton. Das Licht stand hart auf seiner Halbglatze. Zwischen seinen Augenbrauen zeichnete sich bereits jene senkrechte Falte ab, die einige Kollegen spöttisch die Falte des Zorns nannten.
„Nein. Es wäre sinnlos. Der Zeitstempel des Videos, das Sandners Tötung zeigt, und der Zeitpunkt, an dem ich über Funk sagte, der Auftrag sei bereits ausgeführt, weisen eine Differenz auf, die sich nicht mit Funkverzögerung erklären lässt. Ich kann aber erklären, warum ich so gehandelt habe. Sandner wollte morgen nach Düsseldorf umziehen, und es war die letzte Gelegenheit, ihn innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters auszuschalten. Ich hätte die Drohne nicht abgeschossen, wenn ich gewusst hätte, dass sie zu uns gehört.“
Schreiber starrte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Dann schüttelte er verständnislos den Kopf, und die Stirnfalte grub sich tiefer in die Haut.
„Sind Sie völlig bescheuert? Sie entschuldigen sich für den Abschuss einer beschissenen Drohne. Sie haben gerade ganz andere Probleme!“
Alexandra verlagerte kaum merklich ihr Gewicht und lehnte mit dem Rücken an der Wand. Ihr gleichgültiger Blick lag ruhig auf Schreiber. „Ich habe mich nicht entschuldigt“, sagte sie. „Ich habe gesagt …“
Schreiber schnitt ihr mit einer kurzen, harten Bewegung das Wort ab. Die Röte zog ihm vom Hals in die Wangen. „Es hätte mich auch überrascht, wenn Bekundungen von Reue Teil Ihres aktiven Sprachgebrauchs wären.“ Sein Tonfall war scharf und unangenehm hoch. „Was, glauben Sie, war der Grund für den Abbruchbefehl? Haben Sie überhaupt einen einzigen Gedanken daran verschwendet, warum Sie ihn nicht erschießen sollten?“
Alexandra war von dieser sinnlosen Fragerei genervt. Sie blies die Wangen auf und ließ die Luft langsam entweichen. Dann verdrehte sie erneut die Augen.
„Weil eine Unregelmäßigkeit in Sandners Morgenroutine aufgetaucht ist. In Gestalt von Dirk Ostrowski. Und weil die Analysten wegen dieser kleinen, unbedeutenden Abweichung nervös geworden sind.“
Schreiber applaudierte langsam. „Bravo. Sie haben ja richtig was auf dem Kasten.“ Seine Stimme klang zuckersüß und triefte vor Spott. Im nächsten Moment kippte sie wieder in diesen unangenehmen Tonfall. „Und was wäre gewesen, wenn Ostrowski entkommen wäre? Jeder Vollidiot hätte eins und eins zusammengezählt, wer hinter der Aktion steckt. Weit und breit kein Mensch in Sicht, und dann kommt aus heiterem Himmel eine Kugel geflogen und bläst Sandner das Hirn raus.“
Er richtete sich auf. Seine Kiefermuskeln arbeiteten. „In diesem Milieu tummeln sich keine Scharfschützen. Da werden Probleme mit Handfeuerwaffen gelöst, im besten Fall mit Maschinenpistolen. Niemand schießt dort aus so einer Entfernung. Und schon gar nicht so präzise.“
„Sie dramatisieren mal wieder.“ Alexandras Stimme bekam einen dozierenden Tonfall. „Die Kugel ist durch die Stirn in den Kopf eingedrungen, hat den Frontallappen, den motorischen und den somatosensorischen Cortex sowie den Parietallappen durchschlagen und dabei einen erheblichen Teil ihrer kinetischen Energie verloren. Vermutlich ist sie in den tiefen Hirnstrukturen stecken geblieben. Vielleicht ist das Projektil noch bis in den Okzipitallappen vorgedrungen, weiter aber nicht. Es gab keine Austrittswunde. Also konnte auch kein Hirn weggeblasen werden, wie Sie es formuliert haben.“
Sie zog die rechte Hand aus der Hosentasche und hob den Zeigefinger. „Und noch etwas.“ Dann schob sie die Hand wieder zurück. „Ich brauche weder ein Kindermädchen, das mir sagt, wie ich einen Job zu erledigen habe, noch Analysten, die irgendwelche Wenn-dann-sonst-Gleichungen aufstellen und mir erklären, was machbar ist und was nicht. Sie haben Sandner so bekommen, wie Sie ihn wollten – mausetot. Und Ostrowski noch obendrauf.“
Sie deutete auf seinen halbleeren Kaffeebecher. „Was ist eigentlich los mit Ihnen? War der Kaffee heute besonders schlecht, oder warum blasen Sie das so auf? Sie haben selbst gesagt, dass meine Schüsse präzise sind. Wohin hätte Ostrowski denn laufen sollen, ohne dass ich ihn treffe? Sie widersprechen sich in jedem zweiten Satz.“
„Frau Kern“, sagte Regner mahnend und schob die Brille mit einem knappen Fingerstoß gegen den Steg wieder höher auf die Nase. „Sie überschreiten gerade eine Grenze. Es steht Ihnen nicht zu, den Direktor der KSS in dieser Form zurechtzuweisen.“
Grimmer warf einen skeptischen Blick in seinen Kaffeebecher. „Wenn es an dieser Brühe liegt, hätte ich für die schlechte Laune Verständnis“, sagte er.
„Das eigentliche Problem ist, dass Kern in einer instabilen Lage entschieden hat, während Ihre Einsatzleitung noch gezögert hat. Sie hat gehandelt. Sie haben abbrechen lassen. Das ist der Punkt. Nicht mehr und nicht weniger.“
Grimmer ging zum Besprechungstisch und stellte seinen Becher so hart auf die Platte, dass Kaffee über den Rand schwappte und als brauner Halbkreis auf das Holz spritzte. Dann stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch und beugte sich leicht zu Schreiber vor.
„Sandner lief heute zum letzten Mal dort draußen. Das operative Fenster war eng. Jeder, der den Einsatz verstanden hat, weiß das. Seitdem reden Sie über Disziplin, als ließe sich damit verdecken, dass Sie unter diesem Druck versagt haben.“
Grimmer strich sich durch sein grau meliertes Haar, während Schreiber die Arme vor der Brust verschränkte und sich gleichzeitig zurücklehnte, um mehr Abstand zwischen sich und dem ehemaligen Ausbilder der GSG 9 der Bundespolizei zu bringen.
„Mich interessiert nicht, dass Kern einen Befehl missachtet hat. Das liegt offen auf dem Tisch. Mich interessiert, warum ausgerechnet heute die Operation Morgenrot eingestampft werden sollte. Und mich interessiert, weshalb parallel dazu eine Drohne die Operation überwacht hat.“
Grimmer streckte den Arm aus und tippte mehrmals mit seinem dicken Zeigefinger auf den dünnen Hefter, der auf dem Tisch zwischen Direktor Schreiber und Dr. Baumann lag. Jedes Auftreffen klang, als würde jemand wütend an eine Tür klopfen.
„Was ist da in der Mappe?“ Grimmer wartete keine Antwort ab und sprach in gereiztem Tonfall weiter. „Ich vermute, das Entlassungsschreiben von Frau Kern. Wann haben Sie das ausgestellt?“
„Hier geht es nicht darum, den Einsatz zu bewerten oder disziplinarisch einzuordnen. Sie hängen diesem reaktionären MAGA-Weltbild an. Eine bewaffnete Frau passt da nicht hinein. Kern ist heute fällig, Braunbeck ist bereits Geschichte, Lemke und Hagenkötter stehen auf Ihrer Abschussliste. Noch nie wurde ein Einsatz mit einer Drohne überwacht – und das aus gutem Grund. Sie wussten genau, dass Frau Kern einen Abbruchbefehl in letzter Sekunde ignorieren würde, und ebenso genau, dass Staatssekretär Baumann heute im Haus ist. Warum werfen Sie sie nicht einfach raus? Warum müssen Sie dafür noch diese beschissene Theateraufführung inszenieren?“
„Jetzt mal sachte. Und zwar alle.“ Der Staatssekretär mischte sich ein.
Die Schärfe war mit einem Mal aus dem Raum. Schreiber verstummte. Regner zog die Schultern ein Stück zurück. Für einen Moment schien jeder im Raum neu abzuwägen, wer hier das letzte Wort hatte. Alexandra hielt den Blick fest auf Baumann gerichtet, ohne auch nur zu blinzeln. Neben ihr setzte Grimmer den Pfeifenstopfer an und drückte die Glut mit einer kleinen, ruhigen Bewegung nach.
„Fakt ist, dass wir diesen Einsatz heute am Monitor mitverfolgt haben. Direktor Schreiber hat dem Einsatzleiter Regner befohlen, die Operation abzubrechen. Regner hat den Funkspruch durchgegeben. Und Einsatzkraft Kern hat diesen Befehl nicht nur ignoriert, sondern ganz bewusst eine Lüge konstruiert, um den ursprünglichen Auftrag doch noch zu Ende zu bringen. Frau Kern hat die veränderte Lage dabei äußerst professionell und in kürzester Zeit bewertet, neu strukturiert und nach eigenem Ermessen als tragfähig eingestuft. Und dass sie die Drohne nicht nur entdeckt, sondern auch vor ihrem Rückzug abgeschossen hat, zeigt, dass sie zur Elite dieses Landes zählt.“
Direktor Schreiber war empört. Mit einer kurzen, heftigen Bewegung fuhr seine Hand durch die Luft. „Professionell, Elite – hören Sie sich eigentlich noch selbst zu, Herr Staatssekretär? Kern hat einen unmissverständlichen Befehl missachtet. Sie hat ihren Einsatzleiter belogen und eigenmächtig gehandelt. Und Sie stellen das Ganze hin, als wäre das eine Auszeichnung.“
Die Stimme war nicht laut, aber scharf genug, um seinen Worten zusätzlichen Nachdruck zu verleihen.
„Wenn wir anfangen, offenen Ungehorsam mit Begriffen wie Elite zu veredeln, dann können wir die Befehlskette auch gleich abschaffen.“
Baumann ließ ihn ausreden. Dann lockerte er seine Krawatte und antwortete in staatstragendem Tonfall.
„Herr Direktor Schreiber, ich trenne hier sehr bewusst zwischen Disziplin und Einsatzbewertung. Frau Kern hat einen eindeutigen Befehl missachtet. Das ist ein Vorgang, der Konsequenzen haben muss. Ebenso eindeutig ist aber, dass sie unter erheblichem Zeitdruck eine operative Lage richtig erfasst, eigenständig neu bewertet und die Zielperson erfolgreich neutralisiert hat. Beides ist wahr. Und beides gehört in eine saubere Bewertung.“
Er ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen, dann sah er wieder Schreiber an.
„Ich bin nicht hier, um Befehlsverweigerung zu adeln. Ich bin ebenso wenig hier, um eine operative Leistung kleinzureden, nur weil ihr Zustandekommen politisch und disziplinarisch unbequem ist. Für mich ist allein entscheidend, ob ein Vorgang dem Staat geschadet oder genutzt hat. Disziplinarisch ist der Fall eindeutig. Operativ ist er es nicht.“
Dr. Baumann zog ein Päckchen Camel aus dem Jackett, nahm sich eine Zigarette und zündete sie an. Den ersten Zug hielt er kurz in der Lunge, bevor er weitersprach.
„Persönlich halte ich Frau Kern für eine außergewöhnlich leistungsfähige Kraft. Das ändert nichts daran, dass persönliche Einschätzungen keine tragfähige Grundlage staatlichen Handelns sind. Wir entscheiden hier nicht nach Sympathie, nicht nach Loyalitäten und auch nicht nach verletzter Autorität. Wir entscheiden nach Funktion, Risiko und politischer Tragweite.“
Er schnippte die Asche seiner Zigarette in den halbleeren Kaffeebecher.
„Ich sage es deshalb unmissverständlich: Frau Kern hat heute eine Grenze überschritten. Zugleich hat sie ein Ziel ausgeschaltet, das uns andernfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit entglitten wäre. Beides muss nebeneinander stehen können, ohne dass wir uns intellektuell in die Tasche lügen.“
Sein Blick glitt zu Alexandra.
„Ich habe Respekt vor Ihrer Leistung. Respekt ist jedoch keine administrative Kategorie. Er ersetzt weder Hierarchie noch Abläufe noch die Folgen, die daraus resultieren. Wenn Sie diese Dienststelle heute verlassen müssen, dann nicht, weil ich Ihre Fähigkeiten geringschätze, sondern weil ein Staat es sich nicht leisten kann, dass seine Befehle nur dann gelten, wenn sie opportun erscheinen.“
Baumann sprach weiter und wandte seinen Blick zu Direktor Schreiber.
„Was ich allerdings mit Sorge sehe, ist etwas anderes. Diese Dienststelle wurde geschaffen, um in dynamischen Gefährdungslagen präzise und wirksam zu handeln. Wenn sie sich in internen Sicherungsmechanismen, persönlichen Eitelkeiten und Kontrollreflexen so weit verlangsamt, dass operative Chancen verstreichen, dann entfernt sie sich von ihrem ursprünglichen Zweck. Darüber werden wir in den kommenden Tagen reden müssen.“
Schreiber reagierte nicht sofort. Er zog die Ärmel seines Hemdes ein Stück nach unten und strich die Kanten glatt, als müsste er erst etwas in Ordnung bringen. Dann hob er den Blick wieder zu Baumann. Sein Gesichtsausdruck blieb beherrscht, aber sein Blick machte klar, dass er jedes Wort als Angriff auf seine Kompetenz verstand.
Baumann ignorierte Schreibers stummen Protest. Er schlug den Hefter auf und entnahm ihm ein einzelnes Blatt. Er sah zu Alexandra. Sie setzte sich an den Tisch, überflog das Papier, zog ihren taktischen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und unterschrieb wortlos.
„Grimmer, lassen Sie sich das Gewehr und die Ausweisdokumente von Frau Kern aushändigen und begleiten Sie sie aus der Dienststelle“, befahl Direktor Schreiber knapp.
Alexandra verabschiedete sich mit einem knappen militärischen Gruß.