Kapitel 5 – Mediterrane Frische, ballistisches Glas

Alexandra Kern alias Quiet Panther mit schwarzer Sturmhaube – sichtbar ist nur die Augenpartie mit smaragdgrünen Augen

Gegenwart

Alexandra schob die Erinnerung beiseite. Das Treppenhaus hier oben hatte ein anderes Gesicht bekommen. Es war nicht mehr der kalte Ort von damals. Sie setzte sich auf die Holzbank gegenüber den beiden Stahlgittern, die sie früher als bedrohlich empfunden hatte. Neben der Bank stand ein kleiner Tisch. Es gab eine Garderobe und ein Schuhregal.

An der Wand hing ein großformatiges, schlicht gerahmtes Foto. Die Farben waren satt, ohne aufdringlich zu wirken. Es zeigte ein einzelnes Gleispaar, das sich schnurgerade durch flaches Land zog. Die hölzernen Schwellen waren vom Wetter vergraut, an den Schienenkanten lag ein feiner Rostfilm. Links und rechts dehnten sich Felder in unterschiedlichen Grüntönen, dazwischen schmale Wiesenstreifen mit vereinzelten Mohnblüten. Am Horizont stand eine dichte Baumreihe, dahinter der blasse Umriss niedriger Hügel. Über allem ein Himmel, zur Hälfte von weißen Wolken bedeckt, zur Hälfte klar blau. Keine Züge, keine Menschen, keine Tiere – nur Stille und eine Spur von Vergangenheit. Für Besucher war es ein friedliches Landschaftsbild. Für Alexandra war es eine Mahnung, keine Entscheidung zu treffen, die nicht bis zum Ende durchdacht war.

Alexandra betrat ihre Wohnung und atmete den vertrauten Geruch ein: frische Luft, durchzogen von der mediterranen Mischung, die sie selbst zusammengestellt hatte – Zitrone, Rosmarin und Lavendel.

Der Diffuser stand wie gewohnt auf dem niedrigen Schrank aus unbehandeltem Kirschholz an der linken Wand. In gleichmäßigen Intervallen stieg feiner Nebel auf, verströmte den Duft und verlor sich in der Luft. Die Zeitschaltfunktion arbeitete im festen Rhythmus: zwei Stunden in Betrieb, zwei Stunden Pause – ein Kreislauf, der sich über den ganzen Tag wiederholte.

Die Schiebetür aus mehrschichtigem, kugelsicherem Verbundglas stand einen Spalt offen. Durch die Öffnung strömte frische Luft herein. Kein Hauch von Staub, keine abgestandene Rückkehrluft, nur diese kontrollierte Frische, die dem Raum etwas Südliches gab.

Sie ging zur Schiebetür und trat hinaus. Hier oben gab es Besonderheiten – kaum jemand wusste davon. Auf dieser Ebene war das Ruhr-Center um zehn Meter zurückgesetzt. So entstand eine Freifläche, die von einem Glasdach überspannt wurde: ein zehn Meter breiter Streifen zwischen Gebäude und Außenmauer, der sich über die gesamte Länge von 1,2 Kilometern zog.

Die Außenmauer war fünfundsiebzig Zentimeter hoch. Der Zwischenraum zwischen ihrer Oberkante und dem Glasdach bestand ebenfalls aus Panzerglas. Getragen wurde die Konstruktion von massiven Stahlbetonpfeilern im Abstand von fünf Metern. In ihnen verliefen zugleich die Frischluftkanäle – doppelt geknickt und mit ballistischen Lamellen gegen Beschuss geschützt. Innen saß ein verriegelbarer Schieber. Ein Handgriff, und die Zufuhr war unterbrochen. Bei Erschütterung fiel er von selbst zu.

Waagerechte Verbindungsstücke aus Stahlbeton banden die Pfeiler untereinander und zugleich an die Fassade. Da das Ruhr-Center selbst aus Stahlbeton bestand, ging die Konstruktion nahtlos in die Struktur des Gebäudes über.

„Allein diese Glaskonstruktion musste Unsummen gekostet haben“, dachte Alexandra.

Acht Zentimeter Verbundmaterial trennten sie von der offenen Luft über dem Vorplatz. Für die meisten war es nur Glas. Wer den ursprünglichen Zweck des Gebäudes kannte, sah etwas anderes: eine Schutzfront, gebaut, um Projektilen, Sprengsplittern und selbst kurzen Feuerstößen standzuhalten.

Die Verglasung entsprach BR7 NS nach DIN EN 1063 – der höchsten Norm für ballistisches Glas. Selbst panzerbrechende 7,62 x 51 mm NATO-Munition aus Präzisionsgewehren konnte sie nicht durchschlagen. Durch die Polycarbonatlage war sie außerdem sprengsplitterresistent.

Sie ging zurück in die Wohnung, stellte die Kaffeemaschine an und öffnete die Glasschiebetür auf der Südseite. Dann trat sie hinaus, setzte sich auf das Hollandrad und fuhr die 1,2 Kilometer um das Gebäude herum. Es war eine reine Kontrolle, ob alles in Ordnung war. Im Gegensatz zu ihren üblichen Rundgängen fehlte ihr heute die innere Ruhe, die Aussicht von hier oben auf sich wirken zu lassen.

Der Gebäudetrakt war auf dieser Ebene von außen nicht zu sehen. Die Glasfront war verspiegelt, doch dahinter verbarg sich dieselbe königsblaue Metallfassade wie am Rest des Ruhr-Centers.

Der Boden bestand aus sandfarbenem Stein, identisch mit dem übrigen Belag des L-förmigen Komplexes. Normalerweise umfasste eine Ebene des Ruhr-Centers rund siebzigtausend Quadratmeter, Ebene sieben jedoch nur etwa achtundfünfzigtausend, da das Gebäude auf allen Seiten um zehn Meter zurückgesetzt war. Davor lag die entsprechend breite Freifläche.

Alexandra hatte den Raum zwischen Außenmauer und Gebäude schlicht „Freifläche“ genannt. Er maß zwölftausend Quadratmeter und hatte nur vier Zugänge: zwei von ihrer Wohnung, eine doppelflügelige Tür aus Spezialstahl direkt am Gebäudewinkel, wo der kurze und der lange Trakt aufeinandertrafen, sowie den cubus in der Nähe ihrer Wohnung, der aus dem Stahlbetonboden ragte.

Den cubus hatte Alexandra selbst so benannt. Er war ein würfelförmiger Baukörper mit einer Kantenlänge von zweieinhalb Metern, exakt in der südwestlichen Ecke platziert. Seine Begrenzung bildeten die Außenmauern und das Glasdach. Die beiden Wände zur Freifläche bestanden aus Vollverglasung, in die eine Glastür eingelassen war – ebenfalls aus Panzerglas. Nur ein Detail unterschied ihn vom Rest: Zur Freifläche hin war das Glas nicht verspiegelt. Hinter der Tür führte eine Wendeltreppe eine Ebene tiefer in Alexandras Büroräume. Der cubus war ihr direkter Zugang dorthin.