Grimmer folgte Alexandra zu ihrem Wagen.
„Tja, das war es dann wohl“, sagte sie trocken.
Grimmer nickte langsam. „Wenn er dich nicht heute rausgeworfen hätte, dann morgen oder nächste Woche. Walther hatte von Anfang an ein Problem mit dir. Hättest vielleicht öfter mal einen Knicks machen sollen.“ Grimmer grinste freudlos.
Sie zuckte mit den Schultern, hob kurz beide Hände auf Hüfthöhe und ließ sie wieder sinken.
„Ich weiß, dass ich nicht gerade einfach zu führen bin. Und in einem Punkt hat Walther recht: Wenn bei der KSS jeder macht, was er für richtig hält, habt ihr irgendwann einen Unschuldigen auf dem Gewissen.“
Grimmer sah sie überrascht an. „Das aus deinem Mund. Klingt fast, als würdest du ihn verstehen.“
„Übertreib nicht gleich! Ich verstehe, was er meint. Aber in seiner Welt gibt es nur Gehorsam. Handlungsspielraum hält er schon für Rebellion.“
„Was fängst du jetzt mit deiner Freizeit an?“
„Ich werde mich um meine Firma kümmern. Das Restaurant ist ja gerade erst dazugekommen. Bis das so richtig läuft, gibt es noch viel zu tun. Langweilig wird mir ganz sicher nicht.“
Er sah sie skeptisch an. „Ja, sicher. Du als Grande Dame in deinem Restaurant. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du elegant gekleidet Gäste begrüßt und mit ihnen über Wein diskutierst, der auf der Zunge herumstolpert, im Abgang nach Maul- und Klauenseuche schmeckt und lange im Hals kratzt.“
Sie sah ihn todernst an, hob die Hand und formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole.
„Vorsicht. Sonst bist du der Erste, der wegen Frechheit ins Gras beißt.“
Alexandra öffnete die Heckklappe und entriegelte die Tresorklappe an der Stirnseite des erhöhten Ladebodens. Dahinter lagen drei ausgepolsterte Fächer nebeneinander. Nur eines davon war belegt. Die Schulterstütze des Scharfschützengewehrs zeigte zur Heckklappe. Sie griff danach und zog die Waffe heraus. Grimmer nahm sie ihr ab und überprüfte automatisch, ob sie gesichert war.
„Meine alternativen Ausweise bringe ich dir heute Nachmittag vorbei.“
Grimmer zögerte einen Moment. „Ich könnte sie in den nächsten Tagen abholen. Wollte schon länger mal dein Restaurant anschauen.“
„Gut. Dann ruf mich an, wenn du vorbeikommen willst. Wie geht es deiner Frau?“
Grimmers Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Nicht besonders. Sie hat gerade einen neuen Schub hinter sich. Das Gehen fällt ihr immer schwerer.“
Alexandra war ratlos. Sie wusste, was man in solchen Momenten sagte oder tat. Sie hatte oft genug gesehen, wie Menschen einander trösteten. Nur fand sie selbst keinen Zugang dazu.
„Es tut mir leid, Herbert. An dieser Stelle sagt man wohl: Wenn ich etwas tun kann, bin ich für dich da.“ Sie sah ihm direkt in die graublauen Augen. „Aber das sind Floskeln. Du musst da selbst durch, dabei kann dir niemand helfen.“
Grimmer nickte. „Danke, dass du mich mit dem ganzen hohlen Gequatsche verschonst.“ Er sah auf das Gewehr, dann zu Alexandra. „Kannst du das zu der Tulpenzwiebel bringen? Ich habe meiner Frau versprochen pünktlich nach Hause zu kommen, sie hat heute Geburtstag.“
Ohne auf ihre Zustimmung zu warten, drückte Grimmer ihr das G29 in die Hände. Sie schob es mit dem Lauf voran zurück in das gepolsterte Fach des Waffentresors und verriegelte die Klappe.
„Ich verlass mich auf dich“, sagte er und ging ins Gebäude.
Bevor sie zu Maarten van de Borg fuhr, musste sie erst nach Hause, heiß duschen und ihre Kleidung wechseln. Das Adrenalin war längst wieder auf einem normalen Niveau, und jetzt machte sich ihre Zwangsstörung wieder bemerkbar.
Sie bedauerte, ihr G29 abgeben zu müssen, und fragte sich, ob das so eine Art Trennungsschmerz war, den andere Menschen beim Verlust einer engen Bindung empfanden. Um ihre Dienstpistole tat es ihr dagegen kein bisschen leid. Sie hatte sich nie mit der P30 anfreunden können.
Sie dachte darüber nach, was sie künftig mit ihrer privaten Waffensammlung anfangen sollte. Bei Einsätzen der KSS waren eigene Waffen zwar verboten gewesen, doch was man ihr stattdessen manchmal zur Verfügung gestellt hatte, war schlicht erbärmlich. An das Verbot hatte sie sich deshalb nicht gehalten. Sie wählte ihre Waffen nach Zweckmäßigkeit aus und nicht danach, was irgendeine Vorschrift vorsah. Das G29 war eine der wenigen Dienstwaffen gewesen, mit denen sie wirklich zufrieden war.
Alexandra fuhr über die Karl-Arnold-Straße in Richtung Ruhr-Center. Die Straße war stark befahren. Am Fahrbahnrand stand schon wieder ein Blinder und wartete darauf, dass jemand anhielt und ihn hinüberließ. Weit und breit gab es weder einen Zebrastreifen noch eine Ampel. Ausgerechnet in diesem Bereich begegneten ihr auffallend oft blinde Menschen. Sie hatte sich schon mehrmals gefragt, warum.
Alexandra bremste ab, setzte den Warnblinker und der nachfolgende Verkehr kam zum Erliegen. Sie stieg aus, fragte den Mann, ob er Hilfe brauche, und begleitete ihn auf die andere Straßenseite.
Hinter ihr stand ein roter Golf und hupte ohne unterlass. Sie ging hin, öffnete die Fahrertür und sah den Mann an.
„Funktioniert außer der Hupe sonst noch was?“
„Mach voran, du blöde Kuh!“
Sie sah ihn mitleidig an. „Die Hupe jedenfalls besser als das Gehirn.“ Dann schlug sie die Tür zu und ging zu ihrem Wagen.
Keine fünf Minuten später erreichte sie das Ruhr-Center. Sieben Stockwerke, eine königsblaue Fassade – und ihr Zuhause. Sie fuhr hinunter auf Ebene -3 der Tiefgarage und parkte den Mercedes im gesicherten Bereich neben ihrer schwarzen BMW.
Alexandra hängte sich den Tragriemen der Segeltuchtasche mit dem G29 über die Schulter und trat in den Lift. Sie drückte die Taste für Ebene 7. Das kleine Feld neben dem Bedienpanel leuchtete auf.
Sie beugte sich ein Stück vor und hielt das rechte Auge vor den Scanner. Ein kurzer Lichtimpuls, dann wechselte die Anzeige auf Grün. Der Lift setzte sich in Bewegung.
Auf Ebene 7 glitten die beiden Aufzugstüren seitlich auseinander und verschwanden in den Wänden. Dahinter versperrte eine geschlossene Stahltür den Weg. Alexandra legte die Hand an das Bedienfeld neben dem Rahmen. Nach einem dumpfen Klicken sprang die Verriegelung auf. Sie drückte die schwere Tür auf und trat in ihr Treppenhaus.
Geradeaus stand die Holzbank an der gegenüberliegenden Wand. Links davon befand sich eine weitere gepanzerte Stahltür. Dahinter lag der Gebäudeteil mit dem ehemaligen NATO-Schießstand, den Alexandra seit Jahren für ihr eigenes Training nutzte.
Zwischen Aufzug und rechter Seitenwand lag die Tür zum Treppenhaus, das hinunter zu den übrigen Ebenen führte. Alexandra ging zur gegenüberliegenden Bank und ließ die Segeltuchtasche von der Schulter gleiten. Sie setzte sich und zog ihre SWAT-Boots aus. Links neben der Bank standen der niedrige Tisch und das Schuhregal. Weitere taktische Stiefel und Schuhe waren darin ordentlich nebeneinandergestellt. Sie stellte die Boots dazu und zog auch die Socken aus.
Über der Bank hing ein großformatiges, schlicht gerahmtes Foto. Es zeigte ein einzelnes Gleispaar, das sich schnurgerade durch flaches Land zog. Die Schwellen waren vom Wetter vergraut, an den Schienenkanten lag ein feiner Rostfilm. Links und rechts dehnten sich Felder in matten Grüntönen, dazwischen schmale Wiesenstreifen mit vereinzelten Mohnblüten. Am Horizont stand eine dunkle Baumreihe. Darüber spannte sich ein weiter Himmel mit weißen Wolken und klaren blauen Flächen. Nichts an diesem Bild wirkte dramatisch.
Ihre Wohnungstür befand sich in der Wand links von der Bank. Gepanzerter Stahl wie die übrigen Türen hier oben.
Hierher hatte ihre Mutter sie verbannt, als sie gerade fünfzehn gewesen war. Damals hatte für Alexandra festgestanden, dass sie verschwinden würde, sobald sie volljährig war.
Sie nahm die Segeltuchtasche wieder auf, entriegelte die Wohnungstür und trat ein. Die Zeiten, in denen sie diese Wohnung als Feind betrachtet hatte, waren lange vorbei. Vor ihr öffnete sich die große Wohnküche. In der Wand links neben der Wohnungstür führte eine schlichte Holztür zu Schlafzimmer, Bad und den übrigen Räumen. Ihr warmer Farbton war auf das Olivenholzparkett abgestimmt. Die Außenwände an der Süd- und Westseite bestanden aus raumhohem ballistischem Verbundglas. In beide Glasfronten waren Schiebetüren eingelassen.
Gleich rechts neben der Wohnungstür begann der kurze Querschenkel der U-förmigen Küche mit ihren blauen Fronten. Von dort verlief ein langer Schenkel mit Herd, Mikrowelle und Hängeschränken an der Wand entlang. Der gegenüberliegende Schenkel zog sich parallel dazu in den Raum und bildete eine breite Küchentheke. Auf der Innenseite befanden sich darunter weitere Schränke sowie die hinter blauen Fronten eingebauten Kühl- und Gefrierschränke. Die Spüle war in die sandfarbene Arbeitsplatte aus Quarzit eingelassen. Der gleiche Stein bildete auch die Oberfläche der Küchentheke. Zur westlichen Glasfront hin blieb das U offen.
Ihre nackten Füße berührten den warmen Parkettboden aus Olivenholz. Alexandra blieb einen Moment stehen und atmete den vertrauten Geruch ein. Frische Luft, dazu die mediterrane Mischung, die sie selbst zusammengestellt hatte: Zitrone, Rosmarin und Lavendel.
Der Diffuser stand auf dem niedrigen Schrank aus unbehandeltem Kirschholz an der linken Wand. Ein feiner Nebel stieg daraus auf und löste sich langsam in der Raumluft auf. Zwei Stunden lief das Gerät, eine Stunde pausierte es. Alexandra hatte diesen Rhythmus einmal eingestellt und seitdem nicht mehr verändert.
Die große Schiebetür in der südlichen Glasfront stand einen Spalt offen. Frische Luft strömte herein und bauschte kaum merklich die leichte Gardine daneben.
Alexandra ging duschen. Obwohl sie die beiden Männer aus großer Distanz erschossen hatte, fühlte sie sich danach wie immer schmutzig. Emotional belastete es sie nicht. Sie empfand weder Schuld noch Reue. Was danach einsetzte, war etwas anderes – eine zwanghafte Störung, die sie sich selbst nicht erklären konnte und die sie nach jeder Liquidierung befiel. Die Kriminellen, die sie ausschaltete, waren für sie Kreaturen, und sie hafteten ihr danach an wie ein dreckiger Film, den sie auf der Haut zu spüren glaubte.
Sie stellte das Wasser so heiß, wie sie es ertrug. Nach wenigen Augenblicken spürte sie die Hitze auf der Haut, und der Wasserdampf legte sich auf Spiegel und Fliesen. Alexandra gab reichlich Orangenduschgel auf die Peelingbürste. Der intensive Zitrusgeruch breitete sich in der feuchtwarmen Luft aus, während sie sich gründlich abschrubbte. Sie arbeitete sich systematisch über ihren Körper, bis jede Stelle an der Reihe gewesen war. Danach seifte sie sich noch einmal ein, wusch ausgiebig ihre Haare und ließ das heiße Wasser lange über sich laufen.
Erst als der letzte Schaum im Abfluss verschwunden war, stellte sie das Wasser ab. Ihre Haut war heiß und vom Schrubben deutlich gerötet, aber das Gefühl von Schmutz war fort.
Alexandra trat aus der Dusche, griff nach dem großen Handtuch und trocknete sich ab. Anschließend legte sie es um ihre Haare und drückte das Wasser heraus. Reiben vermied sie. Das machte die langen Haare nur widerspenstig und kostete später beim Kämmen Zeit.
Sie gab etwas Bodylotion mit dem frischen Duft von Orange und Bergamotte auf die Hände und verteilte sie auf der noch warmen Haut. Danach trat sie vor den Spiegel und nahm das Handtuch wieder von den Haaren. Die nassen schwarzen Haare reichten ihr bis an den unteren Rand der Schulterblätter. Dunkel und vom Wasser schwer lagen sie auf ihrem Rücken, einzelne Strähnen klebten an Schultern und Nacken. Sie setzte ihren grobzinkigen Kamm zunächst in den unteren Haarpartien an, entwirrte die Spitzen und arbeitete sich Abschnitt für Abschnitt bis zum Haaransatz vor. Wenn er hängen blieb, setzte sie neu an, statt daran zu reißen.
Als alle Knoten verschwunden waren, legte sie den Kamm zurück und fuhr mit beiden Händen von der Stirn nach hinten durch die noch feuchten Haare. Die Strähnen glitten zwischen ihren Fingern hindurch. Dann schüttelte sie den Kopf einmal kurz und ließ die Haare wieder über Schultern und Rücken fallen.
Der stark durchgestufte Schnitt erledigte den Rest. Am Oberkopf standen die kürzeren Partien etwas voller, während die längeren Stufen über ihre Schultern und den Rücken fielen. Der fransige Pony lag unregelmäßig über ihrer Stirn. Die kürzesten Strähnen endeten deutlich über den Augenbrauen, längere verliefen seitlich weiter und gingen dort in die übrigen Stufen über.
Sie gab eine kleine Menge Stylingcreme auf die Fingerspitzen, verrieb sie zwischen den Händen und fuhr anschließend noch einmal durch die Haare. Einige der kürzeren Strähnen lösten sich dabei voneinander und der stufige Schnitt trat deutlicher hervor. Mehr machte sie nicht damit. Keine Rundbürste, kein sorgfältiges Föhnen.
Alexandra betrachtete sich kurz im Spiegel. Sie war zufrieden.
Sie musste keine Zeit damit verschwenden, sich zu überlegen, was sie anzog. Sie besaß nur funktionelle Kleidung. Sie zog ein dunkelgraues T-Shirt an und schlüpfte in eine schwarze Cargohose. Anschließend kochte sie sich einen Kaffee. Während die Filtermaschine vor sich hin gurgelte, warf sie einen Blick in den Kühlschrank, der aber kaum was zu bieten hatte.
„Na ja, wenn man keine Kugeln ins Magazin füllt, hat man auch nichts zum Verschießen“, knurrte sie halblaut und schloss die Kühlschranktür wieder.
Sie goss sich eine Tasse Kaffee ein, ging zur westlichen Glasschiebetür ihrer Wohnung und schob sie auf. Dahinter lag der Außenring, wie sie den umlaufenden Bereich auf Ebene sieben seit Jahren nannte.
Warme Luft strömte ihr entgegen. Durch die goldfarben verspiegelte Schutzfront fiel das Licht gedämpft auf den sandfarbenen Ortsterrazzo. Fünf Meter trennten die königsblaue Fassade des eigentlichen Gebäudetrakts von der Außenmauer. In regelmäßigen Abständen erhoben sich massive Stahlbetonträger aus der Außenmauer. Auf Höhe des Dachs bogen sie nach innen ab und überspannten die fünf Meter bis zum Gebäudetrakt, an den sie anschlossen. Zwischen ihren senkrechten Abschnitten lagen die Felder der Glasfront, zwischen den nach innen führenden Trägern die des Glasdachs. Beide bestanden aus acht Zentimeter starkem ballistischem Verbundglas.
Ein Holztisch mit bequemen Stühlen stand direkt an der Glasfront. Sie setzte sich und beobachtete das Treiben auf dem vier Hektar großen Vorplatz. Es wimmelte förmlich vor Menschen. Ein Mann hastete aus der Straßenbahn der Linie 49 zum Abgang zur U3. Eine Mutter wischte ihrem kleinen Sohn an einem Imbissstand den Mund mit einer Serviette ab, eine alte grauhaarige Frau ging mit einem Rollator quer über den Platz, ein Pärchen saß beim Teich händchenhaltend auf einer Bank und bestaunte die Wasserfontäne, die dreißig Meter hoch in den Himmel schoss. Es gefiel ihr, hier im Ruhr-Center zu wohnen. Vor ihr breitete sich das Leben aus. Sie war mitten unter Menschen und konnte trotzdem Abstand zu ihnen halten.
Ihr Blick fiel auf das schwarze Hollandrad, das neben dem Kubus stand. Alexandra trank ihren Kaffee aus, setzte sich auf das Rad und fuhr den Außenring entlang in Richtung Norden.
Es war keine Spazierfahrt. Einmal am Tag kontrollierte sie den gesamten Umlauf, sofern sie zu Hause war. Türen, Verglasung, Lüftungsklappen. Die Gebäudeleittechnik hätte ihr jede relevante Störung gemeldet. Darauf allein verließ sie sich trotzdem nicht.
Mit gemächlichem Tempo fuhr sie an der Westseite entlang. Rechts von ihr zog sich die königsblaue Metallfassade des Gebäudes hin. Links lagen hinter dem Panzerglas die Dächer und Straßen der Ruhrstadt. Von hier oben konnte sie weit über die umliegenden Gebäude des Gewerbeparks hinwegsehen.
Alle fünf Meter passierte sie einen der massiven Stahlbetonpfeiler. In jedem zehnten befand sich eine Lüftungsklappe der Frischluftanlage. Dahinter verlief der Luftkanal mehrfach abgewinkelt durch den Beton, sodass bei einem Beschuss weder Geschosse noch Splitter auf direktem Weg ins Gebäude gelangen konnten. Beim Vorbeifahren achtete Alexandra besonders auf die Lüftungsklappen. Eine blockierte oder beschädigte Klappe konnte die Frischluftzufuhr eines ganzen Abschnitts beeinträchtigen.
An der nordwestlichen Ecke bog sie nach Osten ab. Rechts von ihr setzte sich die geschlossene Fassade fort. Dahinter lagen die Serverfarmen ihrer Mieter, abgeschottet in den ehemaligen Sicherheitsabschnitten der NATO. Früher hatte man hier Waffen und Munition geschützt. Heute waren es Daten.
Alexandra hielt an und genoss für einen Moment den weiten Blick nach Norden. Zwischen dem Gewerbegebiet und der gemächlich dahinfließenden Ruhr erstreckte sich ein breites Band aus Wiesen, Feldern und kleineren Waldflächen.
Auf einer der Wiesen entdeckte sie einen weißen Fleck, der sich langsam über das Grün bewegte. Otto der Siebte. Der langhaarige kanadische Schäferhund von Martin Rauh stolzierte mit einem Ast im Maul über die Wiese. Das Ding war so lang, dass Otto bei jedem zweiten Schritt damit im Gras hängen blieb. Otto ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und schleppte seine Beute weiter.
Alexandra lächelte, und auf ihren Wangen wurden Grübchen sichtbar.
Sie setzte sich wieder auf das Rad. An der nordöstlichen Ecke bog sie nach Süden ab.
Während sie weiterfuhr, schweifte ihr Blick nach Osten. Hinter den flachen Hallen und Lagerflächen des Gewerbegebiets begann eine ausgedehnte alte Zechensiedlung. Häuser aus rotem Backstein standen entlang schmaler Straßen, dahinter reihten sich die Gärten aneinander, noch immer so aufgeteilt, wie sie einst den einzelnen Bergarbeiterfamilien zugeordnet worden waren. Hecken, Gartenhäuser und Obstbäume ließen die Grundstücksgrenzen selbst von hier oben deutlich erkennen.
Alexandra trat langsam in die Pedale. Ihr Blick wanderte über die Glasfront und die Lüftungsklappen in den Pfeilern, dann wieder hinaus über die alte Zechensiedlung. Weit dahinter erhob sich am Horizont das Spezialstahlwerk der Schröder Capital Group.
Sie erhöhte das Tempo und fuhr an der Südseite entlang. Es gab nichts zu beanstanden. Im Gebäudewinkel bremste sie vor der doppelflügeligen Tür aus Spezialstahl. Sie stieg ab, drückte nacheinander gegen beide Türblätter und kontrollierte das elektronische Schloss. Die Anzeige leuchtete rot. Alexandra zog kräftig am Griff.
Verriegelt. Und das war gut so.
Ihr Frühstück im Café Kleinschmidt war Stunden her, und langsam bekam sie Hunger.
Die letzten zweihundert Meter fuhr sie zügig zum Kubus zurück und stellte das Rad ab.
Alexandra ging zurück in die Wohnung und öffnete die Holztür zu dem Korridor, der zu den anderen Räumen führte. Sie betrat einen kleinen Raum, den sie als begehbaren Kleiderschrank nutzte. Hemden, Hosen und Jacken hingen nach Farben geordnet an Kleiderstangen. T-Shirts und Tank-Tops lagen exakt auf A4-Format gefaltet in Regalen. Unterwäsche, Socken, Schals und Handschuhe lagen in Schubladen. An der Stirnwand stand ein mannshoher Waffenschrank aus dunkelgrauem Stahl.
Sie stellte die Segeltuchtasche davor ab, schloss den Schrank auf und zog die schwere Tür auf. Das G29 legte sie in die dafür vorgesehene Halterung. Anschließend nahm sie die HK P30 aus dem Holster und schob sie in das Fach darunter. Die Stahltür fiel mit einem gedämpften Schlag ins Schloss.
Von der Kleiderstange nahm sie ein mittelblaues, kurzärmeliges Hemd und zog es an. Die Knopfleiste wurde mit kleinen Magnetknöpfen geschlossen, die äußerlich wie Druckknöpfe aussahen. Alexandra führte die beiden Seiten vor ihrer Brust zusammen. Die Knöpfe zogen sich an und schlossen das Hemd mit einem leisen Klicken.
Sobald Alexandra die Hand unter die Knopfleiste schob, lösten sie sich ohne nennenswerten Widerstand. So konnte sie im Notfall rasch auf die Waffe im Schulterholster zugreifen. Nur brauchte sie diese praktische Funktion als Zivilistin jetzt nicht mehr.
Wie immer machte sie sich nicht die Mühe, das Hemd in die Hose zu stecken. Es war keine Stilfrage. Sie wollte aussehen wie eine Frau, die sich um ihre Kleidung keine Gedanken machte. Außerdem war das Hemd weit genug, um eine Waffe im Hüftholster zu verdecken.
Sie verließ ihre Wohnung und wollte gerade die Tür zuziehen, als sie innehielt. Nachdenklich strich sie mit den Fingerkuppen über die Haare oberhalb ihres rechten Ohres.
„Da kann ich ja gleich nackt herumlaufen.“
Entschlossen ging sie zurück zum Waffenschrank und entnahm ihm ein Hüftholster und ihre Glock 26. Die kompakte Pistole ließ sich unter dem Hemd problemlos verdeckt tragen. Sie schob ein mit zehn Patronen gefülltes Magazin in den Griff und lud die Glock durch. Eine Patrone lag nun schussbereit im Patronenlager, neun weitere befanden sich im Magazin. Alexandra nahm das Magazin noch einmal heraus, füllte es mit einer weiteren Patrone auf und setzte es wieder ein. Zehn plus eins. Erst so fühlte es sich richtig an. Zwei Reservemagazine steckte sie in die linke Beintasche.
Kurz zögerte sie. Dann nahm sie auch noch ihr LionSteel SR11, ein schwarzes Einhandklappmesser, aus dem Waffenschrank und schob es in die rechte Hosentasche. Schließlich wusste man nie, ob jemand filetiert werden musste.