Kapitel 2 – Die Konsequenz

Hinter grauen Mauern

Um 10:33 Uhr traf Alexandra in der Einsatzzentrale der Koordinierungsstelle für Sonderlagen ein. Intern hieß die Stelle schlicht KSS.

Der Bau lag in Bochum-Dahlhausen, im Ruhrtal zwischen den Industrie- und Bahnanlagen entlang der Dr.-C.-Otto-Straße. Alexandra bog von der Straße in eine unscheinbare Zufahrt und folgte ihr zwischen langgestreckten Hallen und Betriebsgebäuden hindurch. Gleise verliefen durch das weitläufige Gelände, verschwanden zwischen Gebäuden und dichtem Grün oder führten weiter zu den alten Bahnanlagen von Dahlhausen. Dazwischen lagen asphaltierte Hofflächen, Parkplätze und umzäunte Betriebsgrundstücke.

Das Gebäude der KSS fügte sich unauffällig in diese Umgebung ein. Ein langgestreckter Zweckbau aus grauem Beton und dunklen Metallpaneelen, davor ein asphaltierter Parkplatz mit einigen abgestellten Fahrzeugen. Unter dem flachen Dach verlief ein schmales Fensterband. An der Fassade fehlten der Bundesadler und jegliche Dienststellenbezeichnung. Auch am Eingang gab es keinerlei Hinweise darauf, wer das Gebäude nutzte. Wer hier vorbeikam, hätte das Gebäude vermutlich für eine Verwaltung, ein Lager oder einen technischen Betrieb gehalten.

Alexandra stellte den Mercedes auf einem der markierten Stellplätze ab und stieg aus. Von irgendwo jenseits der Gebäude drang das metallische Geräusch eines rangierenden Zuges herüber. Zwischen den Betriebsflächen öffnete sich stellenweise der Blick auf das Grün entlang der Ruhr.
Nichts an diesem Ort ließ erkennen, was sich hinter den unscheinbaren Wänden des Gebäudes befand.

Alexandra ging über den Parkplatz zum Eingang. Bei der KSS landeten Fälle, für die es im regulären Sicherheitsapparat keine brauchbare Lösung mehr gab. Fälle, die zu heikel, zu schmutzig oder politisch nicht tragbar waren. Sie gehörte zur operativen Einheit und wurde gegen hochgefährliche Einzelakteure und Netzwerke eingesetzt, wenn nötig auch außerhalb Deutschlands. Die Aufträge kamen über gesicherte Terminals direkt aus dem Kanzleramt.

Sie erreichte die Eingangstür und hielt ihre Zugangskarte an das Lesefeld.

Von keinem Tatort durfte eine Spur zur KSS führen. Nach Alexandras Einsätzen blieben Tote zurück, manchmal mehrere. Die Gewalt war unübersehbar, ihre Ursache meist ebenfalls. Nur die Verantwortlichen fehlten.

Die ballistischen Spuren lieferten keine verwertbaren Erkenntnisse. Fingerabdrücke gab es selten, und wenn doch, blieb der Abgleich mit den polizeilichen Datenbanken ohne Treffer. Überwachungskameras hatten im entscheidenden Moment nichts Brauchbares aufgezeichnet. Zeugen konnten allenfalls berichten, was sie gehört oder aus der Entfernung gesehen hatten.

Das Schloss entriegelte sich mit einem leisen Klicken. Alexandra öffnete die Tür.
Sie hatte perfektioniert, was ihre Arbeit verlangte: ungesehen kommen, töten und wieder verschwinden. Die Einsatzleitung hatte ihr deshalb schon vor Jahren einen Decknamen gegeben: Quiet Panther.

Nach einer Liquidierung begann der übliche Lärm. Fernsehteams standen vor Absperrbändern, Reporter vor den Kameras, Experten erklärten, was ihrer Ansicht nach geschehen sein musste. Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden bildeten Ermittlungsgruppen, rekonstruierten Tatabläufe, durchleuchteten das Umfeld der Opfer und prüften mögliche Verbindungen.

Alexandra trat ein und ließ die Tür hinter sich zufallen.
Am Ende kamen sie der Wahrheit trotzdem keinen Schritt näher. In der Politik wuchs der Druck, während in den sozialen Netzwerken längst Geheimdienste, ausländische Killerkommandos und kriminelle Organisationen für die Tat verantwortlich gemacht wurden.
Dass die Antwort manchmal in einem unscheinbaren Zweckbau am Ufer der Ruhr saß, wusste offiziell niemand.

Keine Kraftausdrücke

Hinter dem Empfangstresen saß Klaus Veigel. Der breite Tresen aus dunkelgrauem Kunststoff zog sich quer durch den Eingangsbereich. Dahinter standen zwei Monitore, ein Telefon und mehrere Ablagekörbe, in denen sich Formulare und ungeöffnete Briefe stapelten. Veigel trug ein hellblaues Hemd, das über seinem Bauch spannte. Der Kragen war an den Rändern leicht speckig, die Ärmel hatte er bis über die Unterarme hochgeschoben. Vor ihm lag eine geöffnete Besucherkladde. Mit einem Kugelschreiber zog er gerade eine Zeile nach, als die Eingangstür hinter Alexandra ins Schloss fiel.
Er hob den Kopf. „Morgen, Alexandra. Du sollst sofort zum Big Boss kommen.“
Alexandra blieb einen Moment vor dem Tresen stehen.
Veigel beugte sich ein Stück vor und senkte die Stimme. „Der hat mal wieder ’ne Scheißlaune.“
Alexandra sagte nichts. Ihr Blick blieb auf ihm liegen, ruhig und unbewegt. Nur ihre Augen verengten sich ein wenig.
Veigels Mundwinkel zuckten. Er kannte diesen Blick. Jeder in der KSS wusste, wie sehr Alexandra es hasste, wenn selbst die belangloseste Bemerkung mit Kraftausdrücken garniert wurde. Er räusperte sich, senkte den Kopf und wandte sich wieder seiner Besucherkladde zu.
Alexandra ging weiter.
Hinter dem Empfang führte ein breiter Flur tiefer in das Gebäude. Graue Türen lagen in regelmäßigen Abständen in den hellen Wänden, darüber kleine schwarze Schilder mit Zimmernummern. Das gleichmäßige Summen der Lüftungsanlage lag in der Luft. Von irgendwo weiter hinten drang das gedämpfte Klingeln eines Telefons herüber.

Dass Walther wegen des Einsatzes Ärger machen würde, stand fest. Er wusste, dass sie Sandner trotz Abbruchbefehl getötet hatte. Alexandra machte sich keine Illusionen darüber, wie dieses Gespräch enden würde. Es ging nur darum, wie lange Walther brauchen würde, bis er endlich zum Punkt kam und sie rauswarf.

Sie ging den Flur hinunter. Bei jedem Schritt erzeugten die dicken Gummisohlen ihrer SWAT-Boots ein dumpfes Geräusch auf dem Laminatboden. Als sie Walthers Büro erreichte, verlangsamte sie ihren Schritt nicht. Sie griff nach der Klinke und drückte sie härter herunter, als nötig gewesen wäre. Dann öffnete sie die Tür und trat ein.

Dicke Luft

Sofort war ihr klar, dass das heute nicht Walthers übliches Tänzchen bei einem kleinen Strohfeuer sein würde. Das hier roch nach Großbrand.

Ralf Walther saß hinter seinem wuchtigen Schreibtisch. Torsten Regner, der Einsatzleiter, hatte seitlich davon Platz genommen. Herbert Grimmer, ihr Führungsoffizier und Mentor, stand am Fenster. Und dann war da noch der vierte Mann. Alexandra kannte ihn nur flüchtig, wusste aber, dass seine Anwesenheit allein genügte, um der Sache Gewicht zu geben: Staatssekretär Dr. Günther Baumann aus dem Kanzleramt.

Alexandra schloss die Tür hinter sich. Das satte Einrasten der Tür war für einen Moment das einzige Geräusch im Raum.

Vor Walthers Schreibtisch stand ein einzelner Stuhl, mit der Lehne zu ihr ausgerichtet. Sie ging darauf zu, blieb jedoch zwei Schritte davor stehen und sah Walther direkt an.

„Setzen Sie sich“, sagte er.

Alexandra schüttelte kaum merklich den Kopf und schob die Hände in die Hosentaschen. Dann ließ sie den Blick durch den Raum wandern.

Regners Haltung straffte sich augenblicklich. Seine Schultern gingen zurück, sein Kinn hob sich einen Hauch. Er legte Wert auf Form, Rang und klare Hierarchien, und Alexandra hatte die unmissverständliche Aufforderung des Direktors gerade behandelt, als hätte sie sie nicht gehört.

Walther zeigte seinen Ärger weniger offen. Seine Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie, und an seinem Kiefer trat ein Muskel hervor. Alexandra kannte diesen Ausdruck. Er ertrug es schlecht, wenn jemand seine Autorität infrage stellte. Noch weniger ertrug er es, wenn das ohne jedes sichtbare Bemühen geschah.

Baumann sagte nichts. Er saß ruhig da, die Hände vor sich, und beobachtete Alexandra mit einem kühlen, aufmerksamen Blick. Keine erkennbare Verärgerung, keine Ungeduld. Er schien vorerst nur sehen zu wollen, wie sie sich verhielt.

Bei Grimmer blieb ihr Blick länger hängen. Er stand seitlich am Fenster, eine Schulter beinahe am Rahmen, und ignorierte wie üblich das Rauchverbot. Durch die halb geschlossenen Lamellen fiel das Sonnenlicht in schmalen Streifen ins Zimmer. Darin hing bereits der dünne Rauch seiner Pfeife.

Grimmer hielt sie auf Brusthöhe. Der hölzerne Pfeifenkopf lag in seiner Hand, das Mundstück zeigte schräg nach oben. Für einen Moment bewegte er sich nicht. Dann hob er die Pfeife. Doch statt das Mundstück an die Lippen zu führen, zog er den Pfeifenstiel langsam quer vor seiner Kehle entlang.

Alexandras Blick folgte der Bewegung.

Grimmer führte das Mundstück weiter zu den Lippen, nahm einen Zug und stieß den Rauch aus. Die bläulich graue Wolke quoll vor seinem Gesicht auseinander und trieb in das schräg einfallende Sonnenlicht, wo sie für einige Sekunden deutlich sichtbar blieb.

Er sah Alexandra anders an als die anderen. Seine Mundwinkel senkten sich kaum merklich. In seinem Blick lag etwas, das sie bei ihm selten sah – Bedauern.

Nicht mehr völlig absurd

Das passte nicht zu ihm. Grimmer galt als hart und kompromisslos. Fehler ließ er niemandem durchgehen, Alexandra schon gar nicht. Vor fünf Jahren hatte er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, sie als Schützling zu übernehmen. Als man sie ihm trotzdem zuteilte, hatte er sie härter ausgebildet als jeden anderen. Später war er bei ihren Auseinandersetzungen mit Walther und Regner fast immer auf ihrer Seite gewesen. Aber einen Befehl zu ignorieren, das war selbst für Grimmer eine Grenze die niemand übertreten durfte.

Seit Längerem kursierten Gerüchte, Grimmer spiele nur ihren Beschützer, weil er glaubte, sie mit seinem ständigen Eintreten für sie irgendwann so weit zu kriegen, dass sie für ihn die Beine breit machte.

Alexandra hatte das stets für dummes Gerede gehalten. In fünf Jahren hatte er sie nie belästigt, nie zweideutig angesprochen und ihr keinen einzigen Grund gegeben, etwas anderes anzunehmen.

Sie hatte einen eindeutigen Befehl ignoriert. Wenn irgendjemand Grund hatte, ihr dafür den Kopf abzureißen, dann Grimmer. Warum also sah er sie jetzt an, als täte ihm ihr Rauswurf leid?

Alexandra musterte ihn einen Moment länger. Zum ersten Mal erschien ihr das Gerede nicht mehr völlig absurd.

Bürokratischer Kleingeist

„Um wie viel Uhr haben Sie Sandner liquidiert?“, fragte Walther.

Ein süffisantes Lächeln zog sich über seine Mundwinkel. Er lehnte sich ein Stück in seinem Sessel zurück und ließ den Blick auf Alexandra ruhen. Geduldig wartete er darauf, dass sie in die Falle trat, die er ausgelegt hatte.

Er stellte eine Frage, deren Antwort längst bekannt war. Er wollte sie auflaufen lassen, um sie anschließend Stück für Stück zu demontieren.

„Etwa eine Minute nach dem Abbruchbefehl, Herr Walther“, sagte sie gelangweilt.

Sie senkte den Blick auf ihre SWAT-Boots. In den Nähten und am Rand der dicken Gummisohlen saß noch der helle Staub des Feldwegs. Mit der Schuhspitze strich sie einmal über das Laminat, als wäre der Schmutz daran im Augenblick interessanter als der Mann hinter dem Schreibtisch.

Walthers Lächeln verschwand. Sie hatte ihn wieder nur mit „Herr Walther“ angesprochen. Kein „Direktor“. Kein hörbares Einlenken. Die Ärmel ihres olivgrünen Hemdes hatte sie hochgekrempelt, aus ihrem Zopf hatten sich einzelne Strähnen gelöst. Walther musterte sie einen Moment. Für ihn war das nichts anderes als ihre übliche Missachtung der Rangordnung, und wie jedes Mal ging sie ihm damit gründlich auf die Nerven.

Alexandra ließ die Hände in den Hosentaschen. Die Schultern locker, das Gewicht leicht auf ein Bein verlagert, stand sie vor seinem Schreibtisch wie jemand, der auf das Ende eines lästigen Gesprächs wartete – nicht wie jemand, der sich vor seinem Vorgesetzten verantworten musste.

Seit Walther den Laden vor einem halben Jahr übernommen hatte, bestimmten bürokratischer Kleingeist, Absicherung und Hierarchiedenken immer stärker den Alltag. Dieser Apparat war ihr fremd geworden.

In ihrem Gesicht bewegte sich nichts. Während Walther sie weiterhin fixierte, schob sich ein Songfetzen aus ihrer Lieblingsbar in ihre Gedanken.

Goodbye Stranger, it's been nice.“

Pfefferminz und Provokation

„Aha. Sie leugnen es nicht einmal?“

Seine Stimme kippte in einen unangenehmen nasalen Ton. Walther saß steif hinter seinem wuchtigen Schreibtisch. Das helle Licht der Deckenleuchte spiegelte sich auf seiner Halbglatze. Zwischen seinen Augenbrauen zeichnete sich bereits jene senkrechte Falte ab, die einige Kollegen spöttisch die Falte des Zorns nannten.

„Nein. Es wäre sinnlos. Der Zeitstempel des Videos, das Sandners Tötung zeigt, und der Zeitpunkt, an dem ich über Funk sagte, der Auftrag sei bereits ausgeführt, weisen eine Differenz auf, die sich nicht mit Funkverzögerung erklären lässt. Ich kann aber erklären, warum ich so gehandelt habe. Sandner wollte morgen nach Düsseldorf umziehen, und es war die letzte Gelegenheit, ihn innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters auszuschalten. Ich hätte die Drohne nicht abgeschossen, wenn ich gewusst hätte, dass sie zu uns gehört.“

Walther starrte sie an. Für einen Moment sagte er nichts. Dann schüttelte er langsam den Kopf. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen wurde tiefer, während seine Lippen sich zu einem schmalen Strich zusammenpressten.

„Sind Sie völlig bescheuert? Sie entschuldigen sich für den Abschuss einer beschissenen Drohne. Sie haben gerade ganz andere Probleme!“

Alexandra griff in die rechte Hosentasche und zog eine Rolle Suntjens extra feine Pfefferminzbonbons heraus. Sie betrachtete einen Moment lang den weißen Schriftzug auf rotem Grund, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Das Papier raschelte leise, als sie die Rolle zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und eine der flachen weißen Scheiben aus der Hülle schob. Sie steckte sie in den Mund, faltete das Papier über das offene Ende und ließ die Rolle wieder in ihrer Hosentasche verschwinden.

Ihr Blick blieb ruhig auf Walther gerichtet.

„Ich habe mich nicht entschuldigt“, sagte sie. „Ich habe gesagt …“

Walther schnitt ihr mit einer kurzen, harten Handbewegung das Wort ab. Er hatte sich weiter nach vorn geschoben und stützte die Unterarme auf die Schreibtischplatte. Sein Hals war oberhalb des Hemdkragens dunkelrot geworden, die Röte reichte inzwischen bis in die Wangen.

„Es hätte mich auch überrascht, wenn Bekundungen von Reue Teil Ihres aktiven Sprachgebrauchs wären.“ Sein Tonfall war scharf. „Was, glauben Sie, war der Grund für den Abbruchbefehl? Haben Sie überhaupt einen einzigen Gedanken daran verschwendet, warum Sie ihn nicht erschießen sollten?“

Alexandra ließ das Pfefferminz langsam mit der Zunge von einer Seite des Mundes auf die andere gleiten. Sie blies die Wangen auf, ließ die Luft hörbar wieder entweichen und verdrehte die Augen.

„Weil eine Unregelmäßigkeit in Sandners Morgenroutine aufgetaucht ist. In Gestalt von Dirk Ostrowski. Und weil die Analysten wegen dieser kleinen, unbedeutenden Abweichung nervös geworden sind.“

Walther lehnte sich zurück. Dann hob er beide Hände und klatschte langsam dreimal in die Handflächen. Das trockene Klatschen war deutlich im Büro zu hören.

„Bravo. Sie haben ja richtig was auf dem Kasten.“ Sein Tonfall war unverhohlen sarkastisch.

„Und was wäre gewesen, wenn Ostrowski entkommen wäre? Jeder Vollidiot hätte eins und eins zusammengezählt, wer hinter der Aktion steckt. Weit und breit kein Mensch in Sicht, und dann kommt aus heiterem Himmel eine Kugel geflogen und bläst Sandner das Hirn raus.“

Walther griff nach seiner Kaffeetasse und nahm einen Schluck. Er verzog das Gesicht, sah kurz in die Tasse und schob sie von sich weg.

„In diesem Milieu tummeln sich keine Scharfschützen. Da werden Probleme mit Handfeuerwaffen gelöst, im besten Fall mit Maschinenpistolen. Niemand schießt dort aus so einer Entfernung. Und schon gar nicht so präzise.“

„Sie dramatisieren mal wieder.“

Alexandra verlagerte ihr Gewicht leicht auf das rechte Bein. Ihre Hände steckten wieder in den Hosentaschen, während sie Walther ansah, als erklärte sie ihm etwas, das eigentlich keiner Erklärung bedurfte.

„Die Kugel ist durch die Stirn in den Kopf eingedrungen, hat den Frontallappen, den motorischen und den somatosensorischen Kortex sowie den Parietallappen durchschlagen und dabei einen erheblichen Teil ihrer kinetischen Energie verloren. Vermutlich ist sie in den tiefen Hirnstrukturen stecken geblieben. Vielleicht ist das Projektil noch bis in den Okzipitallappen vorgedrungen, weiter aber nicht. Es gab keine Austrittswunde. Also konnte auch kein Hirn weggeblasen werden, wie Sie es formuliert haben.“

Sie zog die rechte Hand aus der Hosentasche und hob den Zeigefinger.

„Und noch etwas.“

Für einen Moment ließ sie den Finger erhoben, dann steckte sie die Hand wieder in die Tasche.

„Ich brauche weder ein Kindermädchen, das mir sagt, wie ich einen Job zu erledigen habe, noch Analysten, die irgendwelche Wenn-dann-sonst-Gleichungen aufstellen und mir erklären, was machbar ist und was nicht.“

Sie ließ das Pfefferminz einmal zwischen den Zähnen knacken.

„Sie haben Sandner so bekommen, wie Sie ihn wollten – mausetot. Und Ostrowski noch obendrauf. Sein Ableben war ohnehin für heute Mittag terminiert. Jetzt hat sich der zweite Einsatz eben erübrigt.“

Kein Kaffeekränzchen

Sie deutete mit dem Zeigefinger auf seinen halbleeren Kaffeebecher. „Was ist eigentlich los mit Ihnen? War der Kaffee heute besonders schlecht, oder warum blasen Sie das so auf? Sie haben selbst gesagt, dass meine Schüsse präzise sind. Wohin hätte Ostrowski denn laufen sollen, ohne dass ich ihn treffe? Sie widersprechen sich in jedem zweiten Satz.“

Walthers Blick folgte für einen Moment ihrem Finger bis zu dem Becher. Dann sah er wieder zu ihr auf.

„Frau Kern“, sagte Regner mahnend und schob die Brille mit einem knappen Fingerstoß gegen den Steg wieder höher auf die Nase. „Sie überschreiten gerade eine Grenze. Es steht Ihnen nicht zu, den Direktor der KSS in dieser Form zurechtzuweisen.“

Grimmer hob seinen Kaffeebecher an und warf einen skeptischen Blick auf die dunkle Flüssigkeit darin. „Wenn es an dieser Brühe liegt, hätte ich für die schlechte Laune Verständnis“, sagte er.

Er nahm keinen Schluck, sondern ließ den Becher wieder sinken.

„Das eigentliche Problem ist, dass Kern in einer instabilen Lage entschieden hat, während Ihre Einsatzleitung noch gezögert hat. Sie hat gehandelt. Sie haben abbrechen lassen. Das ist der Punkt. Nicht mehr und nicht weniger.“

Grimmer ging die wenigen Schritte zum Besprechungstisch und stellte seinen Becher so hart auf die Platte, dass Kaffee über den Rand schwappte. Die braune Flüssigkeit spritzte auf das Holz und hinterließ neben dem Becher einen unregelmäßigen Halbkreis. Grimmer kümmerte sich nicht darum. Er stützte beide Hände auf den Tisch und beugte sich leicht zu Walther vor.

Auf der anderen Seite des Tisches verschränkte Walther die Arme vor der Brust und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Der Abstand zwischen ihm und Grimmer vergrößerte sich um einige Zentimeter. Grimmer hatte jahrelang Einsatzkräfte der GSG 9 ausgebildet und wirkte auch heute noch wie ein Mann, dem man besser nicht unnötig zu nahe kam.

„Sandner lief heute zum letzten Mal dort draußen. Das operative Fenster war dabei, sich zu schließen. Jeder, der den Einsatz verstanden hat, weiß das. Und jetzt reden Sie über Disziplin, als ließe sich damit verdecken, dass Sie unter diesem Druck versagt haben.“

Grimmer richtete sich wieder auf und strich sich mit der Hand durch sein grau meliertes Haar.

„Mich interessiert nicht, dass Kern einen Befehl missachtet hat. Das liegt offen auf dem Tisch. Mich interessiert, warum ausgerechnet heute die Operation Morgenrot eingestampft werden sollte. Und mich interessiert, weshalb parallel dazu eine Drohne die Operation überwacht hat.“

Sein Blick fiel auf den dünnen Hefter, der zwischen Walther und Dr. Baumann auf dem Tisch lag. Grimmer streckte den Arm aus und tippte mit seinem dicken Zeigefinger mehrmals auf den Deckel. Bei jedem Auftreffen schlug die Pappe hörbar gegen die Tischplatte.

„Was ist da in der Mappe?“

Er zog die Hand zurück, wartete jedoch keine Antwort ab.

„Ich vermute, das Entlassungsschreiben von Frau Kern. Wann haben Sie das ausgestellt?“

Walther öffnete den Mund, doch Grimmer ließ ihm keine Gelegenheit zu antworten.

„Hier geht es nicht darum, den Einsatz zu bewerten oder disziplinarisch einzuordnen. Seit Sie hier sitzen, versuchen Sie aus der KSS einen Laden zu machen, in dem nur noch einer entscheidet: Sie. Alle anderen sind Marionetten, und Sie ziehen die Fäden. Kern ist Ihnen ein Dorn im Auge, weil sie selbst denkt, eigenständig handelt und sich nicht widerspruchslos unterordnet.“

Grimmer deutete erneut auf den Hefter.

„Noch nie wurde ein Einsatz mit einer Drohne überwacht – und das aus gutem Grund. Sie wussten genau, dass Frau Kern einen Abbruchbefehl in letzter Sekunde ignorieren würde, und ebenso genau, dass Staatssekretär Baumann heute im Haus ist.“

Jetzt sah er Walther direkt an.

„Warum werfen Sie sie nicht einfach raus? Warum müssen Sie dafür noch diese beschissene Theateraufführung inszenieren?“

Alles gesagt

„Jetzt mal sachte. Und zwar alle.“ Der Staatssekretär mischte sich ein.

Die Wirkung war unmittelbar. Walther verstummte. Regner richtete sich auf seinem Stuhl ein Stück auf und zog die Schultern zurück. Selbst das leise Klirren von Grimmers Pfeifenstopfer gegen den Pfeifenkopf war plötzlich deutlich zu hören.

Alexandra hielt den Blick fest auf Baumann gerichtet.

„Frau Kern hat einen eindeutigen Abbruchbefehl ignoriert und ihren Einsatzleiter bewusst über den Stand der Operation getäuscht. Darüber gibt es nichts zu diskutieren.“

Er ließ den Blick kurz zu Walther wandern.

„Ebenso wenig darüber, dass sie die veränderte Lage richtig bewertet, beide Zielpersonen ausgeschaltet, die Drohne erkannt und ihren Rückzug abgesichert hat. Operativ gehört Frau Kern zur Elite dieses Landes. Disziplinarisch hat sie eine Grenze überschritten. Beides ist eine Tatsache.“

Walther fuhr mit der Hand in einer kurzen, heftigen Bewegung durch die Luft, als wolle er Baumanns Worte beiseiteschlagen.

„Professionell, Elite – hören Sie sich eigentlich noch selbst zu, Herr Staatssekretär? Kern hat einen unmissverständlichen Befehl missachtet. Sie hat ihren Einsatzleiter belogen und eigenmächtig gehandelt. Und Sie stellen das Ganze hin, als wäre das eine Auszeichnung.“

Baumann ließ ihn ausreden.

„Ich habe nicht gesagt, dass wir es durchgehen lassen.“

Er griff an seinen Krawattenknoten, lockerte ihn etwas und strich anschließend mit zwei Fingern über den Hemdkragen.

„Ein Staat kann es sich nicht leisten, dass seine Einsatzkräfte selbst entscheiden, welche Befehle für sie gelten. Deshalb muss Frau Kerns Verhalten Konsequenzen haben. Aber ich werde eine operative Leistung auch nicht kleinreden, nur weil ihr Zustandekommen disziplinarisch unbequem ist.“

Dr. Baumann griff in die Innentasche seines Jacketts und zog ein Päckchen Dunhill International Red hervor. Er schob mit dem Daumen eine Zigarette aus der Packung, nahm sie zwischen die Lippen und ließ das Feuerzeug aufschnappen. Die kleine Flamme spiegelte sich für einen Moment in seinen Brillengläsern.

Nach dem ersten Zug sah er wieder zu Walther.

„Was mir größere Sorgen macht, ist die Entwicklung dieser Dienststelle.“

Walther reagierte nicht.

„Die KSS wurde geschaffen, um in dynamischen Gefährdungslagen schnell und präzise handeln zu können. Wenn Absicherung, Hierarchiedenken und interne Kontrolle wichtiger werden als die Lage draußen, haben wir irgendwann eine Behörde, die hervorragend darin ist, sich selbst zu verwalten.“

Baumann hielt die Zigarette über Walthers halbleeren Kaffeebecher und schnippte die Asche hinein. Es zischte kurz. Walthers Kaffee war damit endgültig ein Fall für den Ausguss.

„Und dafür wurde die KSS nicht geschaffen.“

Walther zog erst den einen, dann den anderen Hemdsärmel ein Stück nach unten und strich die Stoffkanten glatt. Erst danach hob er wieder den Kopf. Sein Gesicht blieb beherrscht, doch sein Blick verriet, dass er jedes Wort als Angriff auf seine Kompetenz verstanden hatte.

Baumann nahm davon keine Notiz. Er zog den Hefter näher zu sich. Der Kartondeckel schlug trocken auf der Tischplatte auf. Zwischen mehreren Unterlagen lagen zwei identische Blätter. Er nahm sie heraus und legte sie vor Alexandra auf den Tisch.

Sie trat an den Tisch. Das Papier raschelte leise, als sie die beiden Blätter aufnahm. Die Entlassungsbegründung umfasste nur wenige Absätze. Alexandra überflog sie, ohne dass sich in ihrem Gesicht etwas veränderte. Dann zog sie ihren taktischen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und unterschrieb beide Ausfertigungen.

Baumann sah sie einen Moment lang an. Seine Augenbrauen hoben sich überrascht.

„Ich habe eigentlich Protest von Ihnen erwartet. Irgendwie passt es nicht zu Ihnen, widerstandslos aufzugeben.“

Alexandra schob ihm eine Ausfertigung über die Tischplatte. Die andere faltete sie dreimal, bis sie nur noch halb so groß wie eine Postkarte war, und steckte sie in die rechte Hemdtasche.

Danach richtete sie sich auf. Die Nachlässigkeit, mit der sie zuvor vor Walthers Schreibtisch gestanden hatte, war verschwunden. Die Schultern gerade, die Arme ruhig an den Seiten, sah sie Baumann direkt in die Augen. Ihr Blick war hart, aber nicht kalt.

„Ich wurde zur KSS geholt, um dieses Land und seine Menschen vor fundamentalen Gefahren zu schützen. Es war meine Aufgabe, die Zielpersonen zu liquidieren, damit von ihnen nie wieder eine Bedrohung ausgehen konnte.“

Sie ließ die Worte einen Moment stehen. Dann blickte sie kurz zu Walther und wieder zu Baumann.

„Ich denke, es ist besser, wenn ich gehe. Direktor Walther hat seine Art, Dinge anzugehen, und ich habe meine. Sie wissen, dass ich bei der Bundeswehr in einer Spezialeinheit gedient habe. Dort habe ich gelernt, selbstständig zu denken und zu handeln. Wenn Sie da draußen sind, ist die Welt eine andere. Sie haben die Lage unmittelbar vor sich und nicht als Bild auf einem Monitor.“

Sie deutete mit einer knappen Bewegung in Richtung Fenster.

„Was halten Sie von Fußballtrainern, die Spiele am Laptop planen und jede Situation vorher durchdeklinieren? Ich halte das für Unsinn. Sie können nicht vorausberechnen, wann Spieler A Spieler B gegen die Achillessehne tritt, egal, wie viel Rechenleistung Sie haben.“

Alexandra hantierte an ihrem Schlüsselring. Der kleine Spindschlüssel löste sich mit einem metallischen Klicken aus dem Ring. Sie ließ ihn auf die Tischplatte fallen. Der Schlüssel sprang einmal kurz auf dem Holz auf und blieb neben dem Hefter liegen.

„Den Weg, den die KSS jetzt geht, kann ich nicht mitgehen. Ist einfach nicht mein Ding.“

Ein schmales Lächeln erschien auf Walthers Gesicht. Er nickte langsam und lehnte sich ein Stück in seinem Sessel zurück.

„Grimmer, lassen Sie sich das Gewehr und die Ausweisdokumente von Frau Kern aushändigen und begleiten Sie sie aus der Dienststelle“, befahl er knapp.

Sie trat einen Schritt zurück und verabschiedete sich mit einem knappen militärischen Gruß.

Goodbye Stranger

Grimmer folgte Alexandra zu ihrem Wagen.

„Tja, das war es dann wohl“, sagte sie trocken.

Grimmer nickte langsam. „Wenn er dich nicht heute rausgeworfen hätte, dann morgen oder nächste Woche. Walther hatte von Anfang an ein Problem mit dir. Hättest vielleicht öfter mal einen Knicks machen sollen.“ Grimmer grinste freudlos.

Sie zuckte mit den Schultern, hob kurz beide Hände auf Hüfthöhe und ließ sie wieder sinken.

„Ich weiß, dass ich nicht gerade einfach zu führen bin. Und in einem Punkt hat Walther recht: Wenn bei der KSS jeder macht, was er für richtig hält, habt ihr irgendwann einen Unschuldigen auf dem Gewissen.“

Grimmer sah sie überrascht an. „Das aus deinem Mund. Klingt fast, als würdest du ihn verstehen.“

„Übertreib nicht gleich! Ich verstehe, was er meint. Aber in seiner Welt gibt es nur Gehorsam. Handlungsspielraum hält er schon für Rebellion.“

„Was fängst du jetzt mit deiner Freizeit an?“

„Ich werde mich um meine Firma kümmern. Das Restaurant ist ja gerade erst dazugekommen. Bis das so richtig läuft, gibt es noch viel zu tun. Langweilig wird mir ganz sicher nicht.“

Er sah sie skeptisch an. „Ja, sicher. Du als Grande Dame in deinem Restaurant. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie du elegant gekleidet Gäste begrüßt und mit ihnen über Wein diskutierst, der auf der Zunge herumstolpert, im Abgang nach Maul- und Klauenseuche schmeckt und lange im Hals kratzt.“

Sie sah ihn todernst an, hob die Hand und formte mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole.
„Vorsicht. Sonst bist du der Erste, der wegen Frechheit ins Gras beißt.“

Alexandra öffnete die Heckklappe und entriegelte die Tresorklappe an der Stirnseite des erhöhten Ladebodens. Dahinter lagen drei ausgepolsterte Fächer nebeneinander. Nur eines davon war belegt. Die Schulterstütze des Scharfschützengewehrs zeigte zur Heckklappe. Sie griff danach und zog die Waffe heraus. Grimmer nahm sie ihr ab und überprüfte automatisch, ob sie gesichert war.

„Meine alternativen Ausweise bringe ich dir heute Nachmittag vorbei.“

Grimmer zögerte einen Moment. „Ich könnte sie in den nächsten Tagen abholen. Wollte schon länger mal dein Restaurant anschauen.“

„Gut. Dann ruf mich an, wenn du vorbeikommen willst. Wie geht es deiner Frau?“

Grimmers Gesicht verfinsterte sich augenblicklich. „Nicht besonders. Sie hat gerade einen neuen Schub hinter sich. Das Gehen fällt ihr immer schwerer.“

Alexandra war ratlos. Sie wusste, was man in solchen Momenten sagte oder tat. Sie hatte oft genug gesehen, wie Menschen einander trösteten. Nur fand sie selbst keinen Zugang dazu.

„Es tut mir leid, Herbert. An dieser Stelle sagt man wohl: Wenn ich etwas tun kann, bin ich für dich da.“ Sie sah ihm direkt in die graublauen Augen. „Aber das sind Floskeln. Du musst da selbst durch, dabei kann dir niemand helfen.“

Grimmer nickte. „Danke, dass du mich mit dem ganzen hohlen Gequatsche verschonst.“ Er sah auf das Gewehr, dann zu Alexandra. „Kannst du das zu der Tulpenzwiebel bringen? Ich habe meiner Frau versprochen pünktlich nach Hause zu kommen, sie hat heute Geburtstag.“

Ohne auf ihre Zustimmung zu warten, drückte Grimmer ihr das G29 in die Hände. Sie schob es mit dem Lauf voran zurück in das gepolsterte Fach des Waffentresors und verriegelte die Klappe.

„Ich verlass mich auf dich“, sagte er und ging ins Gebäude.

Alexandra schloss die Heckklappe, stieg in den Mercedes und startete den Motor. Als sie vom Parkplatz rollte, ging ihr der vertraute Songfetzen wieder durch den Kopf: "Goodbye Stranger, it's been nice Hope you’ll find your paradise Tried to see your point of view. …"

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